"Dir kann es ja wohl sowas von egal sein, ob er dich ignoriert oder nicht.", schreit mein Kopf. Ich trinke einen großen Schluck Wein und hoffe, dass er endlich still ist.
Zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen werde ich vorgetäuscht ignoriert. Kennt ihr diese Situationen, in denen man weiß, dass jemand einem zuhört, wenn man spricht? Diese Situation, in der beide so tun, als hätten sie ihre eigenen Gespräche aber dennoch irgendwie alles andere mitbekommen. Beinahe hoffen, dass sich die Gesprächsthemen schneiden. Ich sitze da, rede mit meiner Mitbewohnerin. Er sitzt da und redet mit seinem Kumpel über seine Hausarbeit. (Wie zur Hölle kann man bloß eine Fichte/Kant Hausarbeit über das Ding an sich schreiben. Brr. Fichte ist gruselig.) Immer wieder sieht er in meine Richtung. Immer wieder erwischen wir uns gegenseitig. Grüßen tut er nicht, sobald er in unmittelbarer Nähe ist, sieht er weg oder auf sein Handy.
Heute dasselbe. Ich sitze alleine in der Philosophie-Bibliothek, lese etwas über Neurath und die Einheitswissenschaften. Er setzt sich mit seinem Freund direkt vor mich. Steigert die Konzentration ungemein. Er guckt sich noch süffisant an, was ich denn lese. Ohne ein Wort. Setzt sich vor mich und tippt zwei Stunden auf seinem Laptop herum. Dann steht er auf, räumt alles zusammen, geht mit seinem Freund Kaffee trinken. Kurze Zeit später kommt er alleine wieder, sieht mich erneut ganz kurz an aber sagt kein Wort. Schaut weg, sobald ein "Hallo" meinerseits nicht mehr zu laut für die Bibliothek gewesen wäre. Vier weitere Stunden sitzen wir einfach hintereinander. Er verzweifelt an seiner Einleitung. Ich zweifele an meinem Verstand. Habe ich ihm irgendetwas getan? Habe ich ihn so sehr genervt ohne es zu wissen?
Um 17 Uhr fahre ich nach Hause. "Wieso fühlst du dich so?", fragt sich mein Verstand. "Weil sie immer wieder vergisst, dass sie ihre Beziehung reaktiviert hat?", antwortet die Stimme. Ich exe das Glas Wein leer. "Haltet doch alle den Mund", denke ich. "Wirst du morgen wieder hinfahren in der Hoffnung ihn zu sehen? Wie sehr kann man eigentlich auf Leid stehen?", fragt die Stimme. "Ich bin niemals wegen ihm zur Uni gefahren. Ich muss nämlich lernen. Ein verfluchtes Essay darüber schreiben, wieso Metaphysik keine Berechtigung hat.", rechtfertige ich mich. "Und deine Gedanken schon? Die haben eine Berechtigung? Wenn du daran denkst, dass er dich anspricht, ihr einen Kaffee trinken geht? Wenn du daran denkst, dass er nächstes Semester mindestens ein Seminar mit dir hat? Wo ist da die Berechtigung?", fordert die Stimme nach Antworten. Doch genau diese fehlen mir. Fehlen mir seit Wochen. "Ich bin nur so...", fange ich an. "Scheiße?", versucht die Stimme den Satz zu beenden. "Das vielleicht auch. Aber eher neugierig. Und allein. Hier denkt niemand wie ich gerade. Besonders da C.(einzige Philosophie-Freundin, sozusagen) jetzt ein halbes Jahr im Ausland ist. Wer versteht schon Kant-Witze?", bemitleide ich mich beinahe selbst.
"Und seit wann denken wir an Kerle, die dir den Rücken zudrehen? Die offensichtlich sich nichtmal herab begeben und mit dir reden? Vielleicht nur, weil du hier und da anderer Ansicht bist als er?", fragt der Verstand. "Gar nicht eigentlich.", antworte ich. "Und wieso tun wir das jetzt?" - "Weil ich dachte, dass wir was gemeinsam hätten. Weil ich dachte, dass er nett ist." - "Ach Denise, du weißt doch, wie das mit den angeblich netten Kerlen so ist, oder?" - "Ja, du hast Recht", flüstere ich, mache das Glas wieder voll und ebenso schnell wieder leer. Das Wetter ist wie meine Stimmung: grau und keine Änderung in Sicht.