Die letzten vier Monate waren vermutlich die schönsten meines Lebens. Zeit, die ich nicht vermissen möchte. Zeit, die mich zum Strahlen gebracht hat. Ein Strahlen, dessen ich mir nicht bewusst war. Ich nannte es gerne das "unverschämte Glück". Eines, welches vielleicht nicht verdient habe. Aber ich möchte diese Zeit hier festhalten, auch wenn es schwer ist daran zu denken. Ich nehme euch mit auf diese Reise. Ich schließe beinahe an meinen letzten Post an.
Wir sind im Dezember '17. Der Lesekreis wurde um eine Woche verschoben, M. und ich nutzen die Chance für den versprochenen "Kaffee", vorher empfielt er mir noch den Film "Ghost Story", welcher wohl einer der romantischsten Filme ist, die ich jemals gesehen habe. Das ist wahre Romantik, wenn auch verbunden mit starker Nostalgie. Dieser Film ist eines unserer Hauptthemen, weil wir immer wieder darauf zurückkommen. So saßen wir zunächst in einer der schöneren Standard-Ruhrpott-Kneipen und tranken Kaffee bis er vorschlug, etwas essen zu gehen. Da wir in seiner Stadt waren, wählte er fix einen Italiener aus. Kerzenschein, Pasta und eine Rechnung, die kommentarlos von ihm bezahlt wird, auch wenn ich es nicht wollte. Bei meinem Einspruch schüttelt er nur den Kopf und meint: "Du hast doch das Abenteuer auf dich genommen hierher zu kommen, dann kann ich immerhin zahlen." Ein Abenteuer, ein Tor in neue Zeiten. Er bringt mich zur Bahn, dankt mir für den schönen Abend und ich solle mich melden, wenn ich zuhause bin. "Ganz im Sinne Hollywoods muss die Fortsetzung in Produktion gehen!", ist der zunächst letzte Satz, den wir über diesen Abend verlieren.
Bereits einen Tag später sehen wir uns beim Lesekreis zusammen mit P; M. verheimlicht nicht, dass wir uns gesehen habe. Spricht es sogar zum Teil ziemlich direkt an.(P. weiß von mir sowieso zu jeder Zeit bescheid). Der Abend verläuft sehr philosophisch, auch wenn ich immer wieder erstaunt darüber bin, wie intelligent diese beiden Herren am Tisch sind. Kierkegaard zieht mehr oder weniger an mir vorbei. Auf dem Rückweg möchte M. hingegen meiner Annahme, dass wir dieselbe Bahn nehmen, einen anderen Weg fahren, was mich zunächst enttäuscht. Doch kurz bevor die Türen sich schließen, schiebt er sich doch noch gallant in meine Bahn. Suchend blickt er sich um und als er mich sieht quetscht er sich zu mir durch. "Hast du dich umentschieden?", frage ich. "Ja, manchmal phantasiere ich, dass es Bahnen gibt, die mich nach Hause fahren, die es gar nicht mehr gibt um die Uhrzeit". Da meine Bahnfahrt nur wenige Minuten dauert, nehme ich meinen Mut zusammen und frage, ob wir uns in diesem Jahr noch sehen. "Ich würde dich sehr gerne noch sehen, aber ich kann es dir nicht versprechen, weil zu Weihnachten immer alle zuhause sind, aber spätestens in der ersten Woche im neuen Jahr.
Du bekommst nun in jedem Fall das Vortrittsrecht" Mit dem besten Gefühl des Jahres gehe ich nach Hause. Über Weihnachten schreiben wir zwischenzeitlich, aber nicht viel. Allgemein ist dies eine persönliche und sehr selten mediale Beziehung. Wir schreiben nur das nötigste. Allerdings bekomme ich Weihnachten ein sehr niedliches Familienfoto. Ein Zeichen, das er an mich denkt. Vielleicht.
Er: "Also wenn es dir passt, würde sich aktuell entweder der dritte oder der vierte anbieten.." Ich: "Also nur wenn du willst. Ich will dir nicht irgendwie unnötig Zeit wegnehmen oder so." - "Werde diesen Gedanken mal ganz schnell los. So ist es nicht! Ich würde mich freuen, wenn wir uns noch in den Ferien wiedersehen könnten".
Leider wird er den Termin verschieben. Mit der Begründung, dass es stürmt und regnet und er sich einen Plan ausgedacht hat für unser Treffen. Einen Plan, der bei dem Wetter nicht stattfinden kann. Er möchte mir mehr von seiner Heimatgegend zeigen und dafür müssten wir zwischen einzelnen Stationen mehr umher laufen als es bei dem Wetter angenehm wäre. Erst denke ich mir, dass dies eine schlechte Ausrede ist und es doch eigentlich nur darum geht, dass wir uns sehen. Aber auch er selbst gibt zu, dass es beinahe "kindisch" ist, wie pedantisch er auf seinen gut ausgepfeilten Plan besteht. Wir verschieben das Treffen also nur um vier Tage. Und um eine gutpassende, aber schlechte Metapher zu bringen: Er wird mein Herz an dem Tag im Sturm erobern. Wenn dies nicht sowieso schon vorher entschieden war.
Wir spazieren zunächst um einen schönen See und M. erzählt bereits dabei, welche Erinnerungen er mit bestimmten Stellen verbindet. Es ist schön, wie offen er ist. Es ist schön, wie er mich einbindet. Darauf gehen wir im anliegenden Schloss (!) Kaffee trinken, was schon eine sehr märchenhafte Stimmung hervorruft. Ich bin eigentlich ein sehr unromantischer, beinahe platter Mensch, aber das hat Charme. Es ist wundervoll, wie selbstverständlich wir gemeinsam umhergehen, uns puzzle-artig unterhalten. Wir gehen danach asiatisch essen. Unser Thema verlagert sich zunächst auf Bücher, dann auf Serien und einen neu-empfohlenen Film. Im Restaurant stellt er das erste Mal die Rechnung zur Diskussion und erklärt dem Kellner, dass seine Begleitung ihn wohl gleiche verlasse, wenn er nicht langsam mal die Rechnung trennen lässt. Den Kaffee hat er dreisterweise bezahlt, während ich die Toilette aufgesucht habe. Entgegen seiner Erwartung bezahle ich die Rechnung ganz. Wenigstens ein wenig gelogene Fairness.
Wir spazieren eine ganze Weile Richtung S-Bahn und als ich gerade auf die andere Seite laufen wollte, fragt er ob wir nicht noch einen Absacker trinken gehen wollen. Also bewegen wir uns in eine Kneipe in S-Bahn-Nähe und trinken jeweils zwei Bier. Das Gefühl, dass ich nicht gehen will. Das Gefühl, dass er entweder einen sehr langen Plan hatte oder das Gefühl erwidert. Das "Beieinander-Sein-Wollen". Wir reden dabei vor allem über die Schulzeit und Erinnerungen. Es ist zumindest für mich sehr intim, sehr persönlich. Als wir über die nächste Zeit reden, frag ich ihn, ob ich ihm einen besonderen Ort zeigen darf beim nächsten Mal, nämlich mein Lieblingsantiquariat. Und naja, jeder der mich ein wenig kennt, weiß, was das bedeutet: meine potentiellen Bücher teile ich nicht mit jedem.
Ende Januar kommt dann das dritte Treffen. Nachdem ich nicht mehr richtig dran geglaubt habe, schickt er mir nur Uhrzeit und Ort. Wir gehen ins Kino. Natürlich hat er den Film ausgesucht. Alles andere würde wohl auch in einer mittelschweren Katastrophe enden. Ich erzähle ihm vom Bowie-Musical, das in den nächsten Monaten in Düsseldorf am Theater läuft. Und er scheint erfreut, ist sich aber nicht sicher, ob er sich als riesen Bowie-Fan wirklich etwas angucken kann, bei dem Bowie mehr oder weniger gecovert wird. Doch er sagt, er überlegt es sich und lädt mich kurzerhand ein, dass wenn er rein geht, wir natürlich zusammengehen.
Im Kino bestätigt er die Frage nach einem Partnersitz. Einfach so. Als wärs nichts. Wir schauen "Three Billboards outside Ebbing, Missouri", der wirklich zu empfehlen ist, aber ebenso viele Kritikpunkte aufweist, die wir danach bei einem Bier im Café um die Ecke diskutieren. Während des Filmes gibt es immer wieder Momente, wo wir uns anschauen. Momente, wo er mir was zuflüstert. Momente der Nervosität bei mir. Immer wieder beim Gespräch im Café sprechen wir über die nächsten Filme, die wir gucken. Darüber, dass er das mit dem Antiquariat einfach vergessen hat, aber es jetzt "
ganz oben auf der Liste" steht. Wir schreiben danach.
Er: "Ich fand es auch einen schönen Abend, vielleicht sogar, weil der Film nicht ganz hingehauen hat und er uns dadurch viel zum Schmunzeln gebracht hat!" - "Heißt das im Umkehrschluss, dass wir einen schlechten Abend haben, wenn wir dann einen richtig guten Film gucken?" - "Diese These lassen wir mal im Raum stehen und werden sie demnächst in den Praxistest schicken!"
Neun (!) Tage darauf haben wir wieder Lesekreis und M. verhält sich wie sonst, aber es gibt diese kurzen Momente, in denen er schrecklich distanziert ist. Ich bin ein Beobachter, ich habe sowas zu oft gesehen, um zu sagen, er hat nur einen schlechten Tag. Ich wusste, ich habe verloren. Das alles. Bereits in dieser Nacht weine ich wie ein Mensch, der seine Zukunft verloren hat. Seine Sicherheit. Irgendwie alles. Am nächsten Tag schreibt er mir, dass er am nächsten Tag nicht in die Uni kommt und wir uns nicht sehen. Und, dass er sich den Bowie-Musical-Trailer angeguckt hat und sich das wirklich nicht geben kann. Aber er hoffe, er hätte mir nichts versaut, worauf ich mich gefreut hätte. Ich antworte, dass ich mich wenn überhaupt auf die gemeinsame Zeit gefreut habe.
Alles oder Nichts. Und jeder weiß, was bei so einer Entscheidung in meiner Welt passiert. Ich verliere Alles. Mit einer Nachricht fühle ich mich als wären die letzten Monate tot, zerstört. "
Das tut mir auch Leid. Damit hast du mir allerdings leider auch ein gutes Stichwort gegeben: ich werde die kommende Zeit nicht unbedingt mehr Zeit haben, da ich jemanden kennengelernt habe. Das sollte ich dir fairerweise sagen." Kennengelernt. Fairerweise. Ich lese die Nachricht und habe das Gefühl, dass ich zu lange vergesse weiteratmen zu müssen. Ich lese diese Nachricht immer wieder, auch wenn es beim ersten Mal bereits deutlich war. Irgendwann kann ich die Nachricht vor lauter Tränen nicht mal mehr entziffern, aber ich konnte sie getrost auswendig. Das nachfolgende Gespräch tippe ich einfach ab. Ungeschnitten.
Ich: Ich weiß ehrlich gesagt nicht so rictig wie man darauf angemessen reagiert bzw. wie ich das tun sollte. Ich wünsche dir viel Glück irgendwie. Ob ich das selbst auch als unbedingt fair sehe, lass ich einfach dahingestellt.
Er: (20:33) Du scheinst dich verletzt zu fühlen (?)
Er: (20:48) Ich wollte damit nicht angedeutet haben, dass du damit für mich Geschichte bist. Nur weil ich mit jemandem zusammen bin, kann mir unsere Freundschaft dennoch etwas bedeuten.
Ich: Entschuldige, dass ich immer so versetzt antworte. Und entschuldige meine Reaktion. Ich freu mich für dich, wirklich. Und ich freu mich auch, wenn du mich irgendwo dazwischen einschieben kannst zwischendurch.
Er: Dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Und falls du es doch nicht ganz ehrlich meinst, dann bräuchtest du dich auch dafür nicht zu entschuldigen. Am liebsten hätte ich es dir gestern [Lesekreis] schon gesagt, aber ich ahbe nicht wirklich den richtigen Moment erwischt. Mir war nur deswegen wichtig, dass ich dir das sage, damit du dich nicht irgendwann betrogen oder an der Nase herumgeführt fühlst, falls du dir überhaupt etwas von mir erhofft haben solltest, was über eine Freundschaft hinausgeht. Mit "kennengelernt" habe ich mich übrigens völlig unpräzise ausgedrückt, denn ich kenne die Person eigentlich schon seit über einem Jahr. Und dass wir zusammen sein wollen, haben wir erst Anfang letzter Woche "entschieden". Ich bin mir nach deiner ersten Reaktion nun unsicher, ob ich dich enttäuscht habe, ob ich die vergangenen Wochen dir "falsche" Signale gesendet habe. Jedenfalls werde ich nicht den Eindruck los, dich gekränkt zu haben...
Ich: Ja ich wundere mich auch etwas darüber, dass du sowas über Whatsapp klärst, aber vielleicht ist das auch besser für mich. Hoffnungen sind halt so komische Gedanken, die manchmal durch offensichtliche Fehlinterpretation angeblicher Singale entstehen und am Ende ist man ein verletzter Idiot. Du musst deine Beziehung wahrlich nicht vor mir rechtfertigen.
Er:Ich hasse es hier zu schreiben. Wenn du also nochmal vis a vis darüber sprechen möchtest, gerne! Aber eines noch: ganz unschuldig werde ich gewiss nicht gewesen sein, wenn falsche Erwartungen aufgebaut wurden. Dass du dich jetzt wie eine Idiotion vorkommen magst, möchte ich nicht. Ich gehöre nunmal zu der Sorte, die auch mit Frauen befreundet sein kann, ohne weitere Absichten zu verfolgen. Ich weiß, dass das den einen oder die andere irritiert. Die Erfahrung habe ich bereits gemacht. Vielleicht hätte ich daher früher und direkter kommunizieren sollen, worum es mir geht.
Ich: Ich gehöre zu der Sorte, die auch mit Männern befreundet sein kann. Aber die Fähigkeit ist ja (leider) kein Ausschlusskritierium für alles andere. Und ich dachte, ich gehöre zu den wenigen Pessimisten der Welt, die sich nicht zu schnell Hoffnungen machen, aber wie schreibt Jane Auste so schön: "In Liebesdingen sind wir alle Närrinnen"
Er: Gut, Jane Austen werde ich kaum etwas hinzuzufügen haben. Die hat einfach immer Recht.
Ich: Eins muss ich aber noch los werden, bevor wir Jane Austen die Welt beherrschen lassen können: Ich hoffe, ich "verliere" nicht dadurch, dass ich ehrlich war und nicht so getan habe als wäre es mir vollkommen egal.
Er: Was sagst dud enn da!? Das wäre doch völlig absurd. Ich bin dir dankbar, dass du ehrlich warst. Schließlich wollte ich dir das gegenüber auch sein. Wenn überhaupt hast du daher in meinen Augen gewonnen. Wir uns also einig, dass hier nichts kaputt gegangen ist (?)
Diese Zeit liegt mir jetzt wie Stacheldraht im Magen. Diese Zeit zerfleischt mich von innen und wenn das nicht reicht, helfe ich gerne noch nach. Alles ist kaputt gegangen. Während all dieser Zeit haben wir uns zudem jeden Mittwoch in der Uni
gesehen. Wir haben etwa 15 Minuten vor dem Seminar und die Heimfahrt von
20 Minuten miteinander verbracht. Als wäre es Alltag. Als würde es nie
weggehen. Doch das Semester endet. Das Glück endet. Alles ist endlich.
Und ich weiß nicht, wie oft ich das noch lernen muss. Illusion und Schein sind auch endlich. Irgendwann platzt die gottverdammte Blase.
Es sind die kleinen Sachen die zählen, die kleinen Dinge, die sich summieren. Es ist der Pärchensitz im Kino, das Bezahlen jeder Rechnung, der perfekte Plan, die hunderten positiven Nachrichten, das Weihnachtsfoto, die hundert geplanten Treffen für die Zukunft. Es sind diese Dinge, die jetzt wie Messer in mir stecken. Und jedes Messer trifft.
Seit fast 2 Wochen liege ich also jetzt im Bett und weine. Ich weine jeden verfluchten Tag. Und dann betrinke ich mich, wobei das in den letzten Tagen auch nicht mehr hilft. Ich rauche, aber selbst das erinnert mich an ihn, also lass ich es wieder. Immer wieder lese ich unsere Chats, resümiere die Treffen und frage mich, wo der Fehler war. Wo war der Punkt, wo die ganze Scheiße zusammengekracht ist? Aber ich finde es nicht. Und wollt ihr mein persönliches Highlight wissen? Letzte Woche hat er, nachdem wir beide über einen Film geschrieben haben, um irgendie Normalität herzustellen, nach einem Treffen gefragt. Komischerweise könnte ich mich dafür aus dem Bett quälen, auch wenn es mir danach vermutlich tausendmal schlechter geht. Und ich habe mich gefreut. Ich habe zu gesagt, weil ich eben eine verliebte Idiotion bin. Es ist nicht so, dass ich verletzt scheine, dass ich mir einige Hoffnungen gemacht habe; Ich habe mein verfluchtes Herz an ihn verloren. Ich brauche auch schon fast zwei Wochen um das zu schreiben, weil ich mich bei jedem Wort in Embryostellung ins Bett zurückwünsche. Heute wäre das Treffen gewesen, aber wegen einem familiären Notfall kann er nicht. Dafür habe ich Verständnis. Er ist sehr familiär. Und ich Idiot wünsche mir nichts anderes als, dass er sich meldet, wie es ihm geht. Dass es ihm verflucht nochmal gut geht. Dass alles gut ausgegangen ist. Dass er glücklich ist. Und das alles während ich einfach innerlich sterbe. Und ich weiß, dass er mir nichts über den Ausgang berichten wird. Ich bin nur eine Freundin, er hat jemanden, der ihm näher steht. Er hat eine Beziehung. Und diese nicht mit mir.
Last night I tried to drink your Name away, but the only think i forgot was how to think straight, but the drunken throughts were you. Its always you. You. You.