Freitag, 24. November 2017

Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit.

Es ist Freitag, meine Mitbewohnerin und ich feiern eine Party. Maxi ist da und irgendwann sind wir betrunken. Nicht diese schlimme Art von Hinüber, sondern diese gute Art des Betrunkenseins, falls es sie gibt. Ich geh in das andere Zimmer, Maxi sitzt auf dem Sofa, vor ihm auf dem Boden meine Mitbewohnerin und eine Freundin. Ich setz mich neben Maxi und lass meinen Kopf auf seine Schulter fallen. Ich spüre wie er lächeln muss. Die beiden anderen gehen fluchtartig aus dem Zimmer. Im Hintergrund leuchtet mild eine Nachttischlampe. Er dreht seinen Kopf leicht zu mir als würde er versuchen mich anzugucken. "Jeder denkt gerade, dass wir was anderes tun", flüstert er. "Und was willst du?", frag ich. "Dass du einfach da liegen bleibst. Du wirkst selten so ruhig. Selten so im Reinen mit dir" - "Ich bin betrunken. Und du bist da" - "Du riechst gut.", sagt er plötzlich  und ich muss lachen. "Nach einer Kombination aus Wein, Zigaretten und Müdgigkeit meinst du?" - "Einfach nach dir."Irgendwann fährt er nach Hause und alle schelten mich dafür, dass nichts körperliches passiert ist. Was sie nicht verstehen: das brauchen wir nicht. Wir brauchen das alles nichts.

Nachdem M. mir in den letzten Wochen zwei Absagen (wenn auch wunderschön verpackt) erteilt hat, frag ich ihn nachts betrunken nach einem dritten Treffen und er sagt zu: "Wie sollte ich dieses Angebot ausschlagen können? Selbstverständlich, bin ich dabei!!" - "Klingt ja fast so als könnten wir den Fluch besiegen" (Anmerkung: Wir haben es als Fluch bezeichnet, dass wir nie einen Termin finden konnten) - "Ich bin selbst ganz erstaunt. Vielleicht wird 2018 das Jahr der Jahre". Und natürlich kann ich nicht wissen, wie dieses Jahr der Jahre gemeint ist. Vielleicht ist es wirklich nur minimalistisch auf das Treffen bezogen, vielleicht auch auf mehr.

Mittwoch sitze ich vor dem Philosophiegebäude und lese "Warten auf Godot"(Beckett ist gut für den Winter) als mich plötzlich jemand mit "Hallo schöne Frau" begrüßt. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal und ob ich überhaupt je so schön begrüßt wurde. Ich schau hoch und sehe M. Wir umarmen uns, sodass ich meine Pein eben in jener Umarmung verstecken kann. Wir unterhalten uns über das Seminar, das er gleich besucht, stellen fest, dass wir mittwochs zeitgleich Uni haben und ja gegebenenfalls zusammen zurückfahren können in den nächsten Wochen. Er stellt fest, dass wir uns spätestens sowieso am 11.12 sehen: abends, beim neugegründeten, privaten Lesekreis (zusammen mit P.), mit Alkohol vermutlich. Aber es schwang die Intention mit, dass wir uns auch früher sehen könnten. Er müsste ja nur fragen... Wichtig ist nur, dass es ihm wichtig ist mich zu sehen. Und mir war wichtig das nochmal zu wissen. Ihn zu sehen. Mich zu vergewissern.

Montag, 6. November 2017

Wenn alles was bleibt nichts ist.

Was sind die Dinge in meinem Leben, die mich glücklich gemacht haben? Was sind die Dinge in meinem Leben, die es erträglich gemacht haben? Ich vermisse mein Leben. Nein, viel mehr vermisse ich mich. Seit ich vor circa zwei Wochen die Beziehung zu J. beendet habe, verhalte ich mich wie die coole Hure von nebenan. Als würde mich nichts stören. Als wäre alles easy - vor allem aber ich einfach zu haben. Es ist nicht so, dass das passiert wäre. Ich habe mich nur einfach jedem an den Hals geworfen, aber niemand wollte: was das ganze eigentlich nur noch jämmerlicher macht. Die Hure, die nichtmal kostenlos jemand will. Zu billig. Ich wollte diese Art der Nähe nie als Ausweg nutzen. Niemals.

Ich habe im letzten Post von dem Herrn erzählt, den ich über das Theaterfestival kennengelernt habe, wir haben uns getroffen, wir haben Kaffee getrunken und jeder weiß, wie sehr ich Kaffee liebe. Und ich dachte, ja mein dämlicher, noch immer existierender Optimismus dachte, dass es gut war. Ein "erstes" richtiges Kennenlernen, aber offensichtlich war es das nicht. Es war eine oberflächliche Kacke. Vielleicht wollte er mich auch in Wirklichkeit ins Bett kriegen und hat gemerkt, wie kaputt ich bin. Wie sehr dieses verwehste an mir hängt und alles um mich herum kaputt und stinkend macht. Als würde jeder auf 100 Km Entfernung riechen, dass etwas mit mir nicht stimmt. Er meldet sich seit über einer Woche nicht bei mir. Wieso auch?

Ich hatte selten in den letzten Jahren so sehr den Wunsch mich zu schneiden. Nur ganz kurz. So dass es kaum auffällt vielleicht. Nur probieren, ob es hilft. Und dann fängt die Angst in mir wieder an zu schreien und sagt, dass ich Hilfe brauche. Dass ich mein Leben verloren habe, meine Prinzipien, mich selbst. Und dann frag ich mich: Wer bin ich? Und die Antwort ist einfach: Nichts.Nichts wert, Nichts dahinter, Nichts mehr vor.

Dann habe ich aus Verzweiflung M. angeschrieben: ihr wisst, mein Kommilitione, der mit mir und P. was trinken war vor ner Weile? Der, der so wundervoll ist und doch so wenig an mir interessiert. Auf einmal lädt er mich zum Bier/ Kaffee ein. Irgendwann, wenn ich am verzweifelsten bin, wegen der Uni. Und ich wünsche mir nichts mehr als dass er vorbeikommt und wir einen Kaffee trinken. Einfach damit ich nicht allein bin. Aber ich muss wieder aufhören damit, Menschen dafür zu benutzen, damit ich nicht allein bin. Ich muss wieder allein sein können. Habe ich nicht genau deswegen die Beziehung beendet? Um allein zu sein! "Dann sei auch endlich allein", schreien die Stimmen und alles, was ich tun kann, ist nichts. Ich kann nicht schlafen, nicht essen, nicht weinen, ich kann nicht mal lesen. ICH KANN NICHT LESEN. Das ist schlimmer als ich mir den Tod je vorgestellt habe. Die Leere, die ich geworden ist.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Als ich nach drei Gläsern Wein Vergessen hab', dass es dich gab...

Ich vernichte mein Umfeld. Ich bin die Vernichtung. Letztens sagte ich zu einer Freundin, dass ich mich wieder fühle wie mit 17. Und sie hat recht: Auch wenn jeder andere sowas denken würde, wie jung man sich fühlt, weiß damit jeder wie schlecht ich mich fühle. Die meiste Zeit der letzten Wochen verbringe ich in Embryo-Stellung im Bett, an die Wand starrend und leer. Manchmal war ich kurz davor zu vergessen, wie leer man eigentlich sein kann. Und wie kaputt, wie kaputt man alles um sich herum machen kann.

Ich bin kurz davor auch meine zweite Beziehung zu zerstören. Zu beenden und zu zerstören. Und wahrscheinlich J. direkt mit. J, dieser immer fürsorgliche, liebende Mensch, für den ich nichts anderes als Leere empfinde. Über den ich mich die meiste Aufrege und mich meistens bei meiner Mitbewohnerin beschwere, wenn ich ihn sehen "muss". Und dann endet meine Arbeit bei dem Theaterfestival letzte Woche. Und dann kam die Leere. Nicht, weil ich nichts zu tun hätte.  Nicht weil ich soviel Zeit hätte. Sondern, weil mir (wieder) ein wichtiger Teil, ein besonderer Teil meines Lebens verloren gegangen ist. Und nichts und niemand kann das auffangen. Krampfhaft halte ich mich an den Erinnerungen fest. An den Leuten. Und ihr wisst noch lange nicht, was in der Nacht der Abschlussparty passiert ist. Vielleicht sollte ich auch nicht darüber reden. Vielleicht sollte ich so tun als wäre ich nicht betrunken gewesen.  Als hätte ich nicht diesem wundervollen, jungen Mann meine Handynummer gegeben.

Kennt ihr diese Abende? Die, die so nach Freiheit und Leben schmecken? Die, die man immer ein Stückweit im Herzen hat, wenn sie schon lange aus dem Kalender heraus sind? Solch eine Nachricht war die Abschlussparty. Erneut. Genau wie letztes Jahr, doch so anders.

Die ganzen sechs Wochen war ein Traum, einer der nie zu Ende hätte gehen sollen. Ein Arbeitsklima, wie es sich jeder Arbeitgeber und -nehmer wünscht. Menschen, die dich als Mensch und nicht als Leistung schätzen, aber dennoch nicht aufhören deine Leistung zu schätzen. Ich habe ein Arbeitszeugnis bekommen, als hätte ich die Welt gerettet, dabei war ich einfach nur ich. Wisst ihr, wie es ist, wenn es einfach mal reicht, man selbst zu sein? Ich weiß es nur da. Sechs Wochen im Jahr mache ich einen Ausflug in diese Welt. S. (kennt ihr unter Bezeichnung noch nicht) und ich haben so gut und vor allem oft zusammengearbeitet, dass wir beinahe sowas wie Freunde wurden. S. ist in seiner Art so gelassen, so zweifelfrei ehrlich, dass es mich manchmal einfach menschlich glücklich gemacht hat.

Und während der Spielzeit gab es so viele Menschen, die ihren Abschied angekündigt haben (Intendanzwechsel), dass ich gar nicht weiß, wie das nächste Jahr werden soll. Auf dem Abschlusskonzert Fotos für die Ewigkeit gemacht. Als Freunde, die Fotos sahen, haben sie gesagt, dass sie mich selten so herzhaft haben lachen sehen. Und das ist richtig, weil diese Tage mein Herz berührt haben. Und dann gibt es da noch diesen jungen Mann, dem ich nachts meine Handynummer gegeben habe. Wir schreiben seitdem und auch wenn es sich wie Betrug J. gegenüer anfühlt. Auch wenn ich denke, dass ich mein Leben gegen die Wand fahre, dass alles falsch ist, würde ich es wieder tun und ich kann niemandem erklären wieso. In der Nacht ist nichts passiert, dafür hatte ich mich mal wieder zu sehr abgeschossen. Was vielleicht auch besser war. Oder schlechter, weil so noch Fragen offen bleiben. Fragen über ihn und mich. Fragen, die ich nicht beantwortet haben will, die aber eine Antwort nach sich ziehen.

Sonntag, 24. September 2017

Sind unbegreiflich müde. Suche nächtelang alles im Nichts, Finde nichts in allem. Spucke Gift und Galle!

Die Philosophie als Suche nach Sinn. Die Philososophie als Antwort auf die Frage nach dem Sinn. Im Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" ist die Antwort 42. Meine Antwort ist 1,7. Niemand behauptet, dass der Sinn gleichzeitig ein Wegweiser, eine Maxime ist, die uns anleitet, zeigt, wie wir weiter vorgehen sollen. Es ist schlichtweg eine Antwort. Ein Punkt, den man festhalten kann. 1,7: die Note meiner Bachelorarbeit. Und während mein Umfeld in große Freude ausbricht, breche ich auseinander. Es ist eine gute Note. Wie hat Prof. B. gesagt, sogar eine "sehr gute Note", aber das ist es eben nicht. Nicht für mich. Mein Ziel war eine 1 vor dem Komma und die ist da und dennoch fühlt es sich wie eine Niederlage an. Als würde die Welt ein Stück dunkler werden. Tief schwarz und alles, was ich sehe ist das lange erwartete Nichts. Es bleibt nichts, es kommt nichts. Vor allem aber bringt es nichts.

Es bringt nichts monatelang alles, was man hat, jeden Nerv, jede Träne für die Arbeit zu geben, wenn dies dabei herauskommt. Es bringt nichts, ein hyperkomplexes Thema, viel zu komplex für den Bachelor an sich, auszuwählen, wenn dies das Ergebnis ist. Wenn dies alles sein soll.

Und dann kommen die Stimmen und fragen mich, ob ich verrückt sei. Ob ich nicht wisse, dass dies die drittbeste Note sei. Ob ich nicht wisse, dass Prof. B. selten gute Noten vergibt. Dass dies nun mal eine "sehr gute" Note bei ihm sei. Aber ich weiß das. Ich weiß das gut und besonders dieses Wissen tut weh.

Mein Freund hat "Herzlichen Glückwunsch" geschrieben, zusammen mit der Aussage, dass er mit dieser Note gerechnet hat. Mehr hat er mir nicht zugetraut. Mehr hat er nicht von mir erwartet. M, dem ich meine Note mitteilte und ihm für seine Korrekturarbeit dankte, schrieb folgendes: "Ich freue mich riesig für dich! Und bilde dir ja nicht ein, dass mein Beitrag das Schiff auf dedn Kurs zur Glanznote gebracht hätte - das ist dein Verdienst! Fühle dich mit Konfetti und Champagner überflutet"

Und da fragt man mich noch wieso ich mehr an den einen als an den anderen denke. Nicht nur deswegen. Wegen dem Sinn. Dem Sinn der schlicht nicht mehr als eine Antwort ist. Kein Wegweiser, keine Maxime. Bleibt die Frage: Was soll ich jetzt tun? Und wo soll ich eigentlich hin?

Freitag, 18. August 2017

In Nischen an Tischen in schmutzigen Küchen.

Dienstagmorgen sagt M. das Treffen zwischen mir und Philipp ab. Er sei krank, sagt er. Bestätigt aber weiterhin sein Interesse an diesem Treffen und hofft, dass er schnell gesund wird. Er hat ja keine Ahnung, was ich alles hoffe.
Wir verschieben das Treffen auf heute. M. geht sogar soweit und nennt es "Date", was ich ein bisschen witzig und ein bisschen verstörend finde. Aber vor allem macht es mir Hoffnungen, was nicht gut ist.

Ich komme am Hbf an und niemand ist da. Ich stelle mich nach draußen. Ich sehe großartig aus. Und wenn ich sowas sage, dann wisst ihr vermutlich, was das bedeutet. Ich trage einen schwarzen Rock, eine schwarz-weiße Bluse und Strumpfhosen. Natürlich Sneakers dazu, weil ich nicht anders kann. Ich schaue kurz nach oben und sehe im Augenwinkel M., der einen blauen Anzug und Chucks dazu trägt.
Philipp sagt darüber später, dass wir typisch gekleidet seien. M. sagt dazu nur: Na klar du trägst schwarz, ich würde es auch gern. Schwarz ist die beste Farbe. Und während Philipp erklärt, dass Schwarz keine Farbe ist, wissen M. und ich bescheid: es ist mehr eine Einstellung, ein Leben. Eines das wird gemeinsam Leben wollen?

Wir unterhalten uns den Abend lang so gut über Philosophie, dass ich denke, dass man gar nicht studieren muss, solange es solche Abende gibt. Dass ich denke, dass Kneipenphilosophie von den richtigen Menschen sehr sinnvoll ist. Dass Philosophie vom Menschen kommt und nicht von oben.

M. sagt, er muss seine Bahn bekommen und da ich die gleiche nehmen kann, schließe ich mich an. Wir reden noch ein wenig über Abend. Leider muss ich nach fünf Minuten aufsteigen, weshalb er mir versichert zu schreiben sobald er zuhause ist. Da ich es nicht aushalte, schreibe ich nach 15 Minuten nach der Endstation der Bahn eine Nachricht, ob er gut angekommen ist und lade ihn zu zwei Terminen des Theaterfestes ein, für das ich arbeite. Er lehnt bedingt durch seinen Urlaub ab: "Aber nachdem ich nun weiß, dass du dort arbeitest du zudem theatheraffin bist, sollte es nicht so schwer sein, gemeinsam in eine Veranstaltung zu gehen. Hoffnung!!" Ich stocke. Ich zittere. Ich rieche Betrug, Was mache ich eigentlich hier? Und wieso redet er als wäre er der wundervollste Mensch der Welt? Und wieso liegt er gerade nicht neben mir. Und wieso vermisse ich M. und sonst niemanden? Nichtmal das Nichts. Das Nichts ist still und weiß, dass ich schlimmeres anrichte als es selbst je könnte.

Dienstag, 15. August 2017

Komm, wir trinken ein Bier. Ich trink mich zu dir und du trinkst dich zu mir. Da wartet was Gutes. Und wir suchen den Anfang.

Wenn man Beziehungsprobleme hat, so wurde mir beigebricht, hilft Eis, Alkohol und Heimat. Da ich sowieso nur noch gut 10 Euro für den Monat übrig hatte, kommt Heimat rechtzeitig. Ich setze mich also in den Zug und steige nochmal aus. Ich übergebe mich und setze mich wieder rein. Die Leute starren. Ich stehe mit Anzughose, Bluse, Sonnenbrille und Kopfhörern im Zug und denke mir, dass es mich einen Scheiß interessiert, was die Leute denken.
 "Ey Schnecke", sagt einer, der Glück hat, dass selbst Lieder auf dem Handy mal zuende gehen.
"Versuchs erst gar nicht", sag ich, zieh keinen Stöpsel aus dem Ohr (mache aber unauffällig leiser) und guck so genervt, wie ich will. Die Sonnenbrille schützt mich. "Sag mal, wir heute abend?", fragt er und zum Bedauern der Menschheit scheint er nicht mal getrunken zu haben. Höflichkeit ist tot, Menschlichkeit verblutet. "Glaubst du wirklich, dass ich mit dem erstbesten mitgehe? Glaubst du wirklich mein Niveau wäre so verflucht tief? Ich steh hier direkt vor dir. Habe ich irgendwas an mir, dass dir den Glauben gibt, ich würde heute abend irgendwas mit dir machen? Lass mich einfach in Frieden." Er guckt mich von oben bis unten an und sagt während er geht: "Naja, du siehst aus als könnte man dich ficken." Erneut wird mir füchterlich schlecht. Schlecht von den Menschen. Ich verkrieche mich also in mein Buch (momentan Goethes Wahlverwandtschaft, wie passend: zusammen und doch so weit getrennt, wenn auch bei denen physisch und nicht psychisch).

Während ich den Zug wechsele, ich schreibe ich jemandem, dem ich viel zu lange nicht geschrieben habe: "Ich bin morgen da." - "Dann gehen wir was trinken" - "Und wenn ich nicht will?" - "Ich vermisse dich. Deine Bachelorarbeit hat zu lange gedauert." - "Nur wenn du nicht mit dem Auto kommst." - "Ich komm immer mit dem Auto" - "Dann trinken wir nichts." - "Aber wir trinken immer. Unser Leben lässt nur das zu."

Ich komme zuhause an. "Hallo, bekommst du jetzt eigentlich wieder BAföG? Also du hast die Bachelorarbeit doch abgegeben oder?", sind die ersten Fragen, die mein Vater stellt. Mir ist schlecht. Ich sag, dass ich es nicht weiß, aber geldtechnisch schon klar komme. Meine Mutter erzählt all die hässlichen Dinge, die ich verpasst habe. Dass mein Vater sich extra außerhalb ihrer Arzttermine Urlaub nimmt, obwohl er sich einfach, ganz einfach freinehmen kann. Er hat sie stundenlang Zugfahren lassen, obwohl es für ihn nur eine halbe Stunde mit dem Auto ist. Mein Bruder lässt sich von vorne bis hinten bedienen nur weil er angefangen hat zu arbeiten. Meine Mutter hat kaum noch irgendein gesundes Körperteil und sie machen sie kaputt und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Ich hasse diese Menschen. Ich hasse sie alle so sehr.

Ich geh raus, zünd mir schon wieder eine Kippe an. Ich wollte mit der Abgabe der BA aufhören, aber ich kann erst aufhören, wenn das Leben aufhört alles schwarz zu machen. Wenn der Nihilismus verschwindet.

Nächster Abend, ich zieh mich an, geh raus, schreib der Person, dass ich gleich da bin. Er steht angelehnt an der Laterne: "Das war ganz schön spontan", sagt er. Ich hab Tränen in den Augen. "Jetzt fühlt es sich wie Heimat an", sage ich. Wir bestellen uns was zu trinken. Wir trinken viel, aber wie immer nicht zu viel. Nicht genug, um die Hemmschwelle zu brechen. "Wie läuft deine Beziehung?", fragt er. "Naja, wenn Menschen klammern, wenn Menschen Tagebücher lesen, wenn..", "Du bist nicht mehr glücklich. Was hast du vor?", unterbricht er mich. Ich zucke mit den Schultern und lächele schief. "Ich glaube, ich bleibe für immer allein", sagt er. "Bist du über deine Ex hinweg?" - "Ja, ich denke, es ist besser so. Wir haben irgendwie zusammen gepasst, aber irgendwo auch nicht." Nicht so wie wir, denke ich. Wir reden über alte Zeiten, über die Schule. Über das, was wir dachten, die schlimmste Zeit wäre. Und dabei ist heute alles soviel schlimmer. Soviel dunkeler. "Naja, noch dunkler als damals kann es nicht werden", sage ich - "Na außer im Tod. Was soll man hier noch leben? Was mache ich hier noch? Es gibt niemandem mehr, der überhaupt versucht objektiv zu sein. Ausländer sind böse, rechte okay, solange sie nicht zu aggressiv sind, halt nicht so wie die Linken, achja, die bösen Linken. Ich kann über diese Gesellschaft nur noch kotzen." Ich erzähle ihm von dem Vorfall im Zug. "Dein Ernst? So Leute sollte man anspucken. So Leute sollte man erklären, dass die Menschlichkeit tot ist. Und sie daran schuld sind. Genauso wie jeder von uns."

Wir trinken weiter unseren Wein und werden mit jedem Schluck trauriger. Wir rauchen eine Zigarette nach der anderen und werden mit jedem Zug mehr von Grausamkeit erfüllt. "Maxi, sag ich, glaubst du denn wirklich, dass es nichts lebenswertes mehr gibt?" - "Ach Liebes, mach dir keine Sorgen. Solange es Menschen wie dich gibt. Nein Stop. Solange es nur dich gibt, hat die Welt eine Hoffnung. Diese einzige." - "Es gibt mehr Menschen, die sind wie ich." - "Ich habe nicht eine gefunden, weißt du. In meinem ganzen Leben nicht."

"Habe ich eigentlich irgendwann mal wen nicht mitbekommen, die mehr empfunden hat? So richtig? Wegen mir? Glaubst du, ich bin liebenswert? Ich weiß, du hast jahrelang gesagt, dass ich sowohl innen als auch außen toll bin. Aber ich seh das nicht. Ich fühl das nicht. Niemand lässt mich das fühlen.", sagt Maxi. "Ich weiß es nicht. Ich kann ja keine Gedanken lesen.", sage ich und schluck so heftig, dass es Steine im Hals sein könnten. "Es gibt niemanden, wie dich. Niemanden, der mich zu verstehen scheint ohne, dass ich das sagen muss. Ohne, dass ich selbst den Gedanken zu Ende denken muss." - "Wieso glaubst du, komm ich nach Hause, wenn es sich so anfühlt als würde das Leben mich in einem Biss verspeisen?" - "Wegen deinem grandiosen Vaterverhältnis", sagt er und lacht bitter. Darauf starren wir uns einige Sekunden nur traurig an bis die Kellnerin den Laden schließen will. Wir schwanken etwas die Straße runter, bis er nach rechts und ich nach links muss. "Ich melde mich sofort, wenn ich wieder hier bin" - "Also frühenstens an deinem Geburtstag? (Ende September)" - "Vermutlich", seufze ich und bin zeitgleich erstaunt, dass Maxi mal weiß, wann das ist. "Pass auf dich auf" - "Und du erst auf dich." Wir gehen auseinander. Die restliche Nacht weine ich um mein Leben.

Wieso ist jede Aussicht besser als das jetzt? Weil alles nichts ist, sagt der Nihilismus und ich möchte schreien.

Montag, 7. August 2017

Und ich rede und rede und rede. Und am Ende bleibt Nichts.

Ich muss Mittwoch meine Bachelorarbeit abgeben. Ja genau, dieser merkwürdige Tag in 48 Stunden. Und ich fühl mich, wie bei meinen ersten Einträgen oder den etwas späteren. Den blutigen, na ihr wisst schon welche.

Und statt euch zu erzählen, dass mein Freund für mich da ist, hat er "den Anfang" meines Tagebuches gelesen. Eines älteren. Das mit den blutigen Dingen. Und macht sich deshalb Sorgen. Und ich finde es okay, dass er sich Sorgen macht, aber er hat keine Ahnung. Und ich wollte, dass er keine Ahnung hat. Ich wollte nicht, dass er das weiß, sonst hätte ich ihm das erzählt. Jetzt fällt er mir mehr damit zu Last. Mit seiner Sorge und ich weiß, ich weiß wirklich, was er sich ausmalt, was hier vor sich geht. Hier in meiner Schreibhölle. Und genau das ist, wovon ich gerade träume. Eine kleiner Schnitt nur, nichts Besonderes. Und dann rauche ich zwanzig Zigaretten, trink acht Liter Kaffee und schreibe kein Wort. Ich rede lieber darüber, dass ich schreibe.

Erinnert ihr euch an M.? Hieß er so? Habe ich seinen Namen ausgeschrieben? Der auf den eine Bekannte (J.) von mir Stand? Ich habe gerade versucht auf meinem Block was darüber zu finden, aber trotz geringer Dichte an Beiträgen ist nichts zu finden. Kurzfassung: Wir haben uns im Oktober 2015 kennengelernt im ersten Seminar bei Prof. B. und J., neben der ich saß, hat sich mit M. unterhalten, da sie sich wohl schon kannten. Und ab da saß M. jede verdammte Woche hinter uns. M. ist vermutlich der bestaussehenste Mensch, den ich je gesehen habe: meist Hemd, Jeans und kaputte Chucks. Dazu das Gesicht eines dänischen Models. J. erzählt mir nach wenigen Tagen und das obwohl wir uns nicht besonders gut kannten, dass sie auf ihn steht, weshalb er für mich Tabu war. Wenn mir Menschen sowas anvertrauen, dann bin ich da raus. So schwärmte sie mir das ganze Semester etwas davon vor, dass er so scheu und schüchtern sei. (Was meinen Eindruck nicht unbedingt gedeckt hat, aber ich dachte, sie kennt ihn besser.)

Nun hat J. inzwischen die Uni verlassen, aber M. und ich sehen uns ständig in der Uni. Dieses Semester war er Co-Dozent in einem Seminar, das ich besucht habe. M. ist nämlich nicht nur hochintelligent, sondern wahrscheinlich der Mensch auf der Welt, der sich am besten ausdrücken kann und dazu absolut zynisch und sarkastisch sein kann. Man könne sagen mein Traummann (mal abgesehen davon, dass er in einer anderen Liga spielt). Und er ist unglaublich nett zu mir. Inzwischen umarmt er mich sogar zu Begrüßung/ zum Abschied. Wir schreiben hin und wieder eine Nachricht oder Email. Er gibt mir Filmempfehlungen. Und irgendwie ist sein Verhalten nicht unbedingt eindeutig. Meine Mitbewohnerin sagt zwar, dass ich da überinterpretiere, aber andere auch, dass da was ist. Ich meine er macht in jedem dritten Satz einen gottverdammten Zwinkersmiley. Ich hasse diese Dinger.
Philipp hat auch schon vorgeschlagen, dass wir zu dritt in den Semesterferien was trinken gehen. Das würde desaströs enden, habe ich im Gefühl. Deshalb drücke ich mich momentan noch etwas. Vor allem weil ich die Person wäre, die M. fragne müsste.

Jetzt hat M. als viertes (nach C., meinem Freund und Philipp) meine Bachelorarbeit gelesen und man könne sagen, er hat sie zerrissen. Er selbst sagt, er hat überpenibel und überstreng korrigiert. Ich sage: er hat mir jeden Funken Selbstbewusstsein, den ich mir vorgestellt habe zu besitzen, genommen. Es entmutigt mich nicht nur, es zerstört beinahe. Ich weiß wie gut M. ist. Und gleichzeitig weiß ich jetzt, wie schlecht ich bin. Wie schwerwiegend all meine Selbstlobelei in den letzten Jahren war. Ich, die große Philosophin, die nicht einmal ihren Leibphilosophen Schopenhauer verstanden zu haben scheint. M. ist nunmal echt gut. Und jetzt sitz ich hier und rauche beinahe in M. Manier hundert Zigaretten. Er würde zwar mehr Tee als Kaffee trinken, aber genauso viel Rauchen.

Ich habe ihm heute Mittag eine Email geschrieben, ob es wirklich so schlimm ist. Ob ich wirklich so schlecht bin. Und jetzt bereue ich etwas. Einfach, weil ich so auf Selbtmitleid mache. Sowas wie: Sag mir bloß, dass ich nicht so schlecht bin, blabla. Vermutlich eher der unterdrückte Wunsch nach Anerkennung von außen, da ich diese in der Kindheit nie bekommen habe. Schieb ich alles auf meine Eltern. Und gleichzeitig denke ich die ganze Zeit, dass ich mit M. durchbrennen sollte und endlich diesen ganzen Scheiß hier zurücklassen sollte. Und dann fällt mir ein, dass ich eine Beziehung führe. Und dann fällt mir ein, wie beschissen ich Beziehungen finde. Und dann setz ich mich wieder auf Fensterbank und rauch die nächste Zigarette und trink den nächsten Becher Kaffee. Und der einzige Gedanke ist, dass M. aus der Bahn oder einem Auto steigt und mir sagt, dass ich nicht so hoffnungslos sein soll. Dass ich besser bin als ich es denke. Was mir übrigens etliche Leute heute schon gesagt haben. Aber der Kritiker selbst muss es sagen.

Meine Emails aktualisiere ich also alle 2 Sekunden in der Hoffnung, dass er heute nacht noch schreiben würde, aber ich glaube nicht dran. Wahrscheinlich hat er gerade heißen Sex. Oder liest ein  Buch. Oder hört Jazz. Oder starrt genauso beschissen in den Himmel wie ich und raucht. Wobei es bei ihm auf jeden Fall besser aussieht.

Philosophische Antwort auf den Sinn des Lebens? Gibts nicht. Nichts gibt es. Alles Nichtse. Nihilismus ahoi.

Montag, 10. Juli 2017

Who's to hold up the sky if not you and I? So long, so long, so long.

Hallo Lieblingsmenschen, die ich in letzter Zeit viel zu sehr vernachlässige. Es tut mir ehrlich Leid, aber falls es euch tröstet: Selbst Menschen, die in meiner noch unmittelbareren Nähe sind, sehen mich so gut wie nie. Ich bin nämlich umgezogen nach Bachelorarbeitshausen. Da darf man keine Freunde haben und nur fünf Minuten am Tag an was anderes denken. Und diese fünf Minuten habe ich die letzten Wochen gesammelt und jetzt schreibe ich euch.

Ich bin inzwischen bei Tag 10 von 42 und habe noch kein Wort zum Papier gebracht. Wie fängt man etwas an, wenn man weiß, das dies, egal was man tut, niemals den eigenen Ansprüchen gerecht werden kann? Wie kann man etwas abgeben, an jemanden (Prof. B) den man wirklich schätzen gelernt hat, ohne sich selbst zu hassen? Vielleicht hätte ich das mal vor der Anmeldung überdenken sollen. Vielleicht hätte ich das vor dem Studium überdenken sollen.

Aber ich habe auch gute Nachrichten: J. und ich sind jetzt ein halbes Jahr zusammen und doch kommt es einem vor, als wäre es viel länger, weil es so vertraut ist und andererseits so als wäre das alles gestern erst passiert.

Dann hat sich Herr A. gemeldet. Ihr wisst noch? Mein wundervoller Philo-Lehrer, der mir eigentlich den Weg geebnet hat. "Aber ich freue mich trotzdem unglaublich, dass du noch an den alten Philo-Lehrer denkst und ab und an raportierst, was sich in deinem Studium so tut." und "Kommst du auf den Abi-Ball? Ich werde zwar nicht lange bleiben, aber vielleicht findet sich ja die Möglichkeit, gemeinsam ein philosophisches Getränk zu konsumieren." waren die für euch wohl am wichtigsten Sätze. Als wäre ich heute noch interessant und kein Laster, das ihn ständig gesellschaftlich dazu zwingt Emails zu schreiben. Auf den Abi-Ball konnte ich leider nicht gehen. Bacherlorarbeitshausen und so.

Dann die Nachfolge von Herrn A., also Prof B.mit dem ich inzwischen ein merkwürdiges Verhältnis habe, denn ich war etwas vier Wochen in Folge in seiner Sprechstunde. Wir haben zwar bestimmt zwei Minuten über die Bachelorarbeit geredet, aber dann nur über seine akademische Karriere oder wieso er keine Zeit hat mehr zu lesen. Er darf bspw. nur Seminare anbieten, die der klassischen Philosophiegeschichte entsprechen. Sein geplantes Seminar über den Teufel ist nicht erlaubt worden, das über "das Böse" schon. Verstehe jemand die Welt. Also er könnte das Seminar natürlich halten, aber dann wird er dafür nicht bezahlt. Herrliche Bildungsfreiheit ist das. 
Und am Ende der letzten Sprechstunde, als er mein Formular für die Anmeldung unterschrieb, sagt er: "Und Frau XY, machen Sie sich nicht so viele Gedanken. Wir starten eh mit einem Pluspunkt, denn ihr Thema ist innovativ. Weder für die Bachelorarbeit noch für die Masterarbeit braucht man eigene Ideen, man schreibt meist etwas, wozu es genug Literatur gibt. Aber Sie nicht. Und das rechne ich Ihnen hoch an. Viel Erfolg." Ich ging strahlend und mit zitternden Knie aus dem Büro. Das war die schlimmstbeste Entscheidung meines Lebens.
 
Es ist gut zu wissen, dass ich überhaupt die Fähigkeit besitze zu tippen. Das macht mir Hoffnung für den heutigen Tag.

Montag, 15. Mai 2017

Alles rauscht vorbei. Und wir sind Rauschen.

Oh gott, ich habe mich ewig nicht gemeldet. Und das obwohl ständig was passiert. Eben weil ständig was passiert. Im einem Moment lache ich, im nächsten weine ich, im übernächsten verkrieche ich mich unter die Decke, nur um dann zu überlegen, wie man diese gottverlassene Welt noch retten kann. 7,8% hat die AfD im westlichsten aller Bundesländer bekommen, soviel zum rechtsversifften Osten. Klar, es ist es nicht zweistellig, aber es ist gottverdammte Scheiße. In welcher Welt leben wir in der meine Generation genauso häufig AfD wie die Linke wählt. Wir sind die Generation, die keinen Krieg erlebt hat (nicht direkt zumindest). Wir sind die, die sich offensichtlich nicht mehr vorstellen können, was Rechtsextremismus zerstört. Und jetzt komm mir keiner mit "So rechts ist die AfD gar nicht.". Es steht fest, dass ich nun in einem Bundesland lebe in dem die AfD die viertstärkste Partei ist. Da freu ich mich glatt über die Ergebnisse der FDP, damit die (oder die SPD) die stärkste Oppositionspartei ist. Ich bin allerdings gespannt, was dann die neuen Regelungen für Lehrer aus Düsseldorf sind. So weit weg und alles bestimmen, das macht doch total Sinn.

Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich mich nicht so lange gemeldet habe. Es ist viel mehr die Zeit, die sich von mir verabschiedet oder mich ständig in den Schlaf schickt, weil es doch schon wieder viel später ist als gedacht. Es liegt daran, dass meine Bachelorarbeit sich verhält wie ein Menschenkind und lieber 9 Monate in meinem Kopf heranwachsen will, anstatt einfach geboren zu werden. Prof B. und ich haben nach zwei monatiger, sehr verzweiflter Recherche bezüglich Shakespeares Sekundärliteratur das Thema abgewandelt und ich behandele jetzt das Wintermärchen unter den Kinderanalysen Freuds. Das ist widerum so abgefahren, dass ich nicht weiß, ob das Thema mich nicht mit einem großen Bissen frisst. Aber Prof. B. ist einfach unglaublich. Er hat sich einfach mal so 50 Minuten für mich Zeit genommen um 18 Uhr, damit ich nicht aufgebe. Damit ich die bestmöglichste Note hervorbringen kann. Ich bin froh, dass er zumindest nächstes Semester immernoch da ist und hoffentlich auch bis zum Ende meines Masters. Leute wie er, Leute mit Meinung, mit Haltung fehlen einfach im universitären Arschkriecherleben.

"Aber schreiben Sie bitte eine gute Bachelorarbeit, ja?", sagt er während ich hinausgehen will. "Habe ich vor, aber wieso interessiert das Sie eigentlich?" - "Naja, ich muss bald meine Habilitationsschrift schreiben und Ihr  Thema liegt auch innerhalb von meinem [er macht einen allgemeineren Vergleich zwischen Shakespeare und Freud]." - "Da hoffe ich aber, dass ich wenigstens in einer Fußnote erwähnt werde, wenn ich Ihnen schon Inhalte liefere" - "Ich kann natürlich nur Personen zitieren, die einen gewissen akademischen Ruf haben oder eben einen bekommen könnten", sagt er und ich weiß, was er meint. Und dann fällt vom Himmel ein schweres Stück Metall auf dem "Lehramt" steht.

Inzwischen habe ich angefangen bei C&A zu arbeiten, da das Schauspielhaus mich einfach nicht wollte. Ich bin nunmal nicht der modeaffinste Mensch, den man finden kann, demnach gucke ich die Kunden meist ratloser an als sie mich, aber vielleicht kommt das mit der Zeit. Hauptsache ich kann diese Wohnung und einen halbwegs anständigen Lebensstil (also 3-4 Bücher und zwei Pfund Kaffee pro Monat) finanzieren.

Dann habe ich mit dem Unisport angefangen und die Kurse erinnern mich sehr an mein Fitnessstudio früher und alle die schon so lange lesen,werden wissen, wie sehr mich das freut. Aber es nimmt mir halt auch wieder Zeit, die ich sowieso nicht habe.

Jetzt muss ich für mein morgiges Philosophieseminar noch "Sein und Zeit" lesen. Also wirklich, ich liebe die Philosophie, aber Heidegger muss man doch nicht lesen. Oder ich bin einfach zu dämlich.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Du bist ein Geschenk, seit ich dich kenne, seit ich dich kenne, trage ich Glück im Blick.

Erneut ewig nicht gemeldet. Und auch wenn es meistens der stumme Schrei des Stresses und oft auch des Hasses ist, ist es diesmal die stille, beinahe unhörbare Melodie des Lebens und des großen, großen Glücks.

Ich habe noch nie jemanden gesehen, der mich mit seiner puren Präsenz ruhig gemacht. Nicht nur mich, sondern auch meinen Kopf und zu 90% sogar die Stimmen. Und ich weiß, er hat sie auch. Die Gedanken, dass er nicht gut genug ist. Die Gedanken, dass er das alles gar nicht verdient hat.

Ich bin ein chronischer Abend- und Nachtmensch und plötzlich tue ich nichts lieber als neben ihm aufzuwachen. Es ist wie in einer dieser kitschigen Hollywoodkomödien: er beobachtet mich beim Schlafen bis ihm selbst die Augen zufallen, während ich aber meist schon lange schlafe. Er deckt mich nachts zu, wenn er mir mal wieder die Decke geklaut hat. Er nimmt Rücksicht auf meine Eigenheiten des Alleinseinwollens, wobei dieses Wollen gegen Null geht in letzter Zeit.

Auch, wenn es so klingt, als würde nur er alles tun. Irgendwie bin fast ich kitschig. Manchmal liege ich einfach zehn Minuten lang mit dem Kopf auf seiner Brust und fühle mich sicher und erwische mich gar dabei, wie ich über die weite Zukunft nachdenke. Manchmal reden wir auch darüber. Das ist dann meistens völlig verrückt.

Er hat mir gesagt, dass ich ihn zum glücklichsten Menschen mache. Und er ist da, wie jemand, der das Wort Glück nicht als Mittel benutzt, um irgendwas anschaulich auszudrücken. Er hat so wenig davon im Leben gehabt, noch mehr Gegenwind und Abneigung erfahren, dass es mir so viel bedeutet ihn glücklich machen zu können. Ich, dieser komische, komische Mensch.

Es ist so intensiv und gleichzeitig so gewöhnlich, dass es außergewöhnlich ist. Das Außergewöhnliche als Gewöhnliche, das Gewöhnliche als Außergewöhnliches. Und das alles größtes Geschenk, was mir passieren konnte.

Sonntag, 8. Januar 2017

Wieso lächelst du mir zu? Niemand ist so verrückt mich zu lieben bis auf du.

Er lädt mich zu ihm ein, da ich seine Wohnung ja noch nicht kenne. Und auch, wenn es in der heutigen Generation bei 99% aller Fälle eine Sexeinladung ist, weiß ich, dass er das nicht so meint. Ich fahre also um 18 Uhr zu der Haltestelle, sehe ihn, wie er bei -4 Grad frierend wartet. J. ist nämlich der Meinung, dass so eine dicke Sweatshirtsjacke im Winter doch reicht. Nicht, dass ich mich mit Wintermode auszeichnen würde, aber eine dickere Jacke habe ich schon.

Er ist mindestens genauso nervös wie ich, weshalb wir bis in seine Wohnung kaum ein Wort sagen. Brauchen wir vermutlich auch deshalb nicht, weil wir beide wissen, wo wir noch vor zwei Tagen standen und was wir wollten und was wir uns nicht getraut haben. Wir gehen in sein Zimmer, er "führt mich rum" in seiner 16 cm² Wohnung, ein Einzimmerappartment, mit großen Schreibtisch und besonders vielen Regalen aus denen die Bücher nur so raumquillen. Er sagt mir kurz darauf, dass ich mich setzen kann und aus mangelnder Alternative (und dem Nicht-Wahrnehmen des Stuhls in der Ecke) setze ich mich aufs Bett. Er hat sich davor schon für den Schreibtischstuhl entschieden. Es gibt also gut einen Meter Platz zwischen uns.

Wir fangen an uns zu unterhalten, so wie immer. Wie immer gucken wir nicht auf Handys oder Uhren (nicht, dass er eine in dem Zimmer hätte). Wir merken, dass es uns beim sechsten Treffen nun die Themen immer mehr ausgehen. Als wüssten wir alles, was wir wissen müssen. Als ich irgendwann sage, dass ich mal auf die Uhr gucke, denken wir beide, dass es so gegen 22 Uhr ist, während es bereit 1:30 Uhr ist. Völlig irritiert und belustigt sehen wir uns an. "Soviel haben wir dann doch nicht geschwiegen", stellt er beinahe überrascht fest. "Na gut, vielleicht sollte ich den Nachtbus um 02:09 Uhr nehmen, dann kannst du morgen [er hat ein Fußballtunier] noch schlafen und naja, es sind jetzt halt auch verstörende 7,5 Stunden". Wir sind beide immer noch irritiert und verwirrt, da wir beide dachten, dass die Nervösität die Zeit anders verwaltet hätte.

Ich seh wie er tief ein und aus atmet, sich erhebt, irgendwas von "Langsam wird der Stuhl unbequem" murmelt und sich neben mich aufs Bett setzt. "Viel bequemer, was?", sage ich, obwohl wir beide wissen, warum er jetzt neben mir sitzt. "Hätte mir vorher einfallen können", sagt er und muss selbst lachen, weil niemand der Anwesenden ihm glaubt, dass er nicht vorher darüber nachgedacht hat.

Doch plötzlich war es still. Wir sitzen nebeneinander, gucken uns immer wieder an, gucken weg, bleiben beim Blick, können uns nicht bewegen. Er atmet deutlich heftiger als sonst, ich atme so gut wie gar nicht, fühle mich als würde die Situation mich ersticken. Er hat den ersten Schritt mit dem Dazusetzen gemacht. Irgendwie fühle ich mich, als wäre ich eingeladen worden und hätte nicht richtig zugesagt. Nach guten fünf Versuchen mal tief durchzuatmen, schau ich ihn an, sehe wie er leicht lächelt und weiß genau, dass das die Person ist, die immer wollte. Ich lehne mich vorsichtig in seine Richtung, unsere Gesichter kommen uns immer näher, ein letzter kurzer Blick, bis die Augen geschlossen sind und dann schaffen wir es tatsächlich und küssen uns.

Alles danach fühlt sich wie von Raum und Zeit gelöst. Kurz nach dem Kuss zittern wir beide als würde unser Körper mit dem ganzen Glück, mit den ganzen Gefühlen nicht klar kommen.
Wir sitzen bestimmt eine Stunde nur da und er hält mich im Arm, zwischendurch flüstern wir uns etwas zu, als würden wir sonst die Wirklichkeit wecken. "Das passiert wirklich, oder?", frage ich. "Außer wir träumen beide". Später sagt er: "Darauf habe ich jetzt nur ein Jahr gewartet" und lacht. "Dafür mussten wir offensichtlich über 7 Stunden reden und schweigen, allein heute" und wir lachen beide.

"Du hast schon wieder einen Bus verpasst", sagt er um 4:30 Uhr, während wir noch immer nah aneinander dort saßen. "Jetzt fahren doch schon wieder Straßenbahnen" - "Aber weißt du, das mit dem Schlafen wird bei mir eh nichts mehr. Als wenn du willst, kannst du auch einfach bleiben." und kurz danach fallen mir immer wieder die Augen zu, während er mir über den Kopf streichelt und mir beim seeligen Kurzschlaf zusieht. Um 7 Uhr bin ich wieder wach und wir wechseln sozusagen die Rollen, denn er findet langsam in den Schlaf.

Um 10 Uhr nehme ich die Bahn nach Hause und er lässt es sich nicht nehmen mich trotz Massen des Schnees (zumindest für die regionalen Verhältnisse hier) mich zur Haltestelle zu bringen. Als die Bahn langsam in Sicht ist, zieht er mich ran und küsst mich, hält mich dann nochmal fest und küsst mich wieder. Wir lächeln beide und ich steige in die Bahn. Meine kompletten Klamotten riechen nach ihm und ich fühle mich als würde ich als unglaublich müder, aber wohl glücklichster Mensch der Welt diesen Morgen erleben.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Ich gehe Herzwärts. Zu dir. Mit dir.

Mittwoch: Wir sehen uns wieder. Und irgendwie war ich nervös. Weil wir eigentlich wussten, was wir fühlen. Zumindest würde jedes freundschaftliche Interesse an diester Stelle überraschen. Ich hatte im Gefühl, dass du genauso über das Küssen nachgedacht hast, wie ich es getan habe. Wir hatten kein direktes Ziel als wir uns sahen, wir hatten nur einen Treffpunkt ausgemacht. Erst liefen wir wie verlorene Seelen umher, beide so sehr darauf wartend, dass der andere das Herumirren erlöst. Irgendwann bleiben wir auf der Ecke zwischen Hauptbahnhof und Cafe/Kneipen stehen. Er sieht mich an, wir stehen nicht einmal 30 cm von einander entfernt. Ich versuche dem Blick standzuhalten, merke wie sein Blick auf meinen Lippen landet, er grinst kurz, dann der Blick wieder von vorn. Wir beide zappeln dumm mit den Füßen herum aber bewegen uns nicht. Mein Herz schlägt so unkontrolliert, dass ich kaum atme. Irgendwas löst die Spannung und wir beschließen, dass wir ins naheliegende Cafe gehen. Diesmal sitzen wir nicht, wie beim letzten Mal (wir verbrachten unser zweites Treffen schon hier), an einem der beobachtbaren zweier Tische in der ersten Reihe, sondern an einem runden, etwas abseits von allen anderen stehenden Tisch.

Selbst unser Gespräch kommt zunächst schwer in Gange, als hätten wir bereits alles besprochen. Dann reden wir über seinen Arbeitstag, plötzlich über meine Familie, mein Verhätnis zu meinem Vater, wieso ich für mich ausziehen musste. Und dann fragt er: "Darf ich eine vielleicht unangenehme Frage stellen, die du nicht beantworten musst: Als du mich damals nach dem ersten Treffen gefragt hast, war das spontan oder geplant?" Wie ihr wisst, war es geplant, aber ich erzähle ihm jedes Detail, jede Frage, die ich mir gestellt habe, als wäre es eine Aussage vor Gericht, mit soviel mehr Gefühl und deutlich weniger strengen Nachfragen von ihm. Es ist ihm beinahe unangenehm mir diese ganzen Fragen zu stellen, aber es sind diese, die ihn beschäftigen, die ihn wachhalten, wenn er eigentlich schlafen sollte.

Er erzählt mir, dass er schon in dem Seminar vor diesem (also Wintersemester 15/16(!)) absichtlich neben mir saß. Dabei hat er auch meinen Namen herausgefunden, weshalb es ihm überhaupt möglich war, mir eine Email zu schreiben. An dem Freitag nach der Frage nach dem ersten Treffen, wollte er mich nicht ignorieren, aber er hatte einfach keinen Mut mit mir zu sprechen. Er erzählt mir all die Dinge, die er in den ganzen Monaten gedacht hat. Innerlich aufgegeben hatte, weil ich nicht auf "Nichts" reagiert habe. Doch dann kam das Referat, die Blicke und er hat wohl kurz überlegt, ob das alles doch noch Hoffnung hat. Und ist beinahe durchgedreht, als ich ihn nach dem Kaffee gefragt habe.

Es ist gruselig wie ehrlich wir miteinander sind. Es ist beängstigend, wie viele gleiche Gedanken wir uns gemacht haben in den diesen ganzen Tagen. Wir reden auch nochmal über die verlorene Silvesternacht, in der wir nicht wussten, dass es so viel leichter ist über alles zu reden. Dass es uns sogar leicht fällt über all das zu reden.

Als wir dann an der Ubahnstation stehen, müssen wir jeweils 7 Minuten auf die Bahn warten, die von verschiedenen Gleisen fährt, weshalb wir oben bei den Treppen stehen und zusammen warten. Wir hatten gegen Ende des Aufenthaltes im Cafe schon keine richtigen Themen mehr, waren zu sehr damit beschäftigt, was der andere gerade erzählt hat. Aber es gab noch etwas, das uns beide ganz deutlich beschäftigt: die Körperlichkeit. Wir stehen bis zu 3 Minuten da und starren abwechselnd zwischen Augen und Lippen und dem Boden hin und her. Zwischen unseren Füßen liegen maximal 15 cm, schätze ich. Wie schon am Anfang spielt mein Atem verrückt, weiß ich genau, was ich will und mache nichts. Ich kann von ihm nicht erwarten, dass er sich traut. Ich weiß, dass er sich nicht traut. Und ich bin starr. Vor Angst vor dieser Übermacht der Gefühle vielleicht, vor Versagensangst vielleicht auch. Wir gucken beide auf die Anzeige und sehen, dass seine Bahn in einer Minute fährt und er sagt beinahe tonlos: Ich glaube, ich muss los und bleibt trotzdem stehen, bewegt sich kein bisschen. Macht nichtmal Anstalten mich zu verabschieden, als würde er noch auf was warten. Ich gehe auf ihn zu und umarme ihn und renne förmlich in Richtung meiner Treppen. Ich schau nochmal zu ihm zurück, er läuft Richtung seiner Bahn, aber schaut auch zu mir.

Ein Gefühl, das man schwer beschreiben kann. Als hätte man versagt, ohne was getan zu haben. Als wäre das bloße Ausbleiben der Fehler. Mein Herz schlägt noch immer viel zu schnell, mein Atem ist viel zu unkontrolliert. "Hast du deine Bahn noch bekommen?", schreibe ich ihm, weil ich weiß, dass es ihm genauso geht. "Natürlich. Das gerade war mega merkwürdig. Es tut mir Leid" - "Ich wollte mich auch gerade entschuldigen." - "Tja, diesmal war ich schneller.." Er ist so in Gedanken, dass er sogar eine Station zu weit fährt und von der Uni nach Hause läuft, während ich eine zu früh aussteigee, damit ich noch ein paar Meter laufen kann.

Obwohl wir schon wieder 4,5 Stunden zusammen waren, schreiben wir in der Nacht noch gute 3 Stunden weiter. "Es ist glaube ich schon offensichtlich, dass wir gerne zusammen sind. Trotzdem bin ich bei manchen Sachen sehr unsicher und ich weiß nicht, was ich machen soll. Das bitte ich einfach zu entschuldigen", schreibt er kurz bevor wir uns erneut für Freitagabend verabreden. Drei Tage, zwei Treffen, das nennt man wohl Sehnsucht. Später schreibt er dann noch: "Wenn man bedenkt, dass wir vor einem Jahr lang ein Semester lang (mehr oder weniger bewusst) nebeneinander saßen, ohne auch nur ein Wort miteinander zu wechseln, dann ist das doch ein unfassbarer Fortschritt und ich bin halt einfach froh, dass ich dich kennenlernen darf und hoffe eben, dass es noch lange nicht vorbei ist. So, damit musst du jetzt leben" - "Die wirklich guten Dinge brauchen eben Zeit. Einen Fortschritt, den ich selbst nie für möglich gehalten habe, Es gibt Menschen, die ich durchaus leiden kann, die nicht einmal nach Jahren einen Bruchteil von dem wissen oder gar verstehen. Und dann bist da du, der mir in so vielen Dingen so (beinahe beängstigend) ähnlich ist und es ist so als könnte ich dir alles erzählen, wenn auch manchmal mit mehr Gedanken darüber, obs nicht zu peinlich ist. Ich glaube also, damit kann ich ganz gut leben." - "Ich will das jetzt auch nicht zu weit treiben, aber eigentlich hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben. Die letzten 4 Wochen waren aber wahrscheinlich die besten in meinem Leben, auch trotz oder gerade wegen der ganzen Aufregung. Nie zuvor habe ich so optimistisch in die Zukunft geblickt. Was auch immer passieren mag, dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Jetzt muss aber wirklich gut sein."

Und ich sitze dort und merke zum vermutlich ersten Mal, wie es ist, jemanden aus seinem Loch zu holen. Wie es ist, jemandem Hoffnung zu geben. Und das nicht unbegründet. Alles andere als unbegründet.

Montag, 2. Januar 2017

Wir rutschen tiefer und tiefer und tiefer, tiefer und tiefer ins Glück.



Freitag: J. und ich treffen uns am Hauptbahnhof so wie bisher jedes Mal. Wir wollten ein Cafe ausprobieren, das wir beide nicht kennen. Als wir hereingehen, uns den gefühlt kleinsten Tisch im Laden suchen und uns setzen. Draußen kommen langsam die Wintertemperatur und zunächst ist es zwischen uns still wie Schnee. Ich glaube, wir haben ungefähr 10 Minuten geredet gehabt, als die Frage, ob er Silvester kommen will aus mir herausplatzt. Ich sehe ihm an, dass er sich freut, aber auch kurz zögert und auch nicht klar zeigen will, dass es ihn freut. Er sagt aber zu und das ist das einzige, was mich daran wirklich interessiert. Irgendwann reden wir übers Heiraten und das wir beide das nicht als sinnvoll ansehen, wir reden über Kinder, die Stand jetzt nicht unser Wunsch sind, aber wer weiß, wie sich das ändert.

Dann kommen wir auf das Thema Schule und er öffnet sich mir. Er erzählt mir, dass er kaum Freunde hatte, irgendwie auch nie Anschluss gefunden hat, obwohl er es versucht hat. Ich war darauf nicht vorbereitet und habe versucht zu helfen. Er weiß bis heute nicht, ob er das wirklich verarbeitet hat. Ob es nicht nur an ihm lag. Er war sich bis vor einigen Jahren nicht mal sicher, ob er überhaupt soziale Bindungen bekommt. Und dann saß ich dort, beim dritten außeruniversitären Treffen und fragte mich, wieso niemand diesen wundervollen Menschen gesehen hat.

Dann nach guten 4 Stunden passiert etwas, das vorher nie passiert war, wir schwiegen und hatten beide kein besonderes Thema auf den Lippen, also fing ich an Mist zu reden. Schweigen und damit Blickkontakt herstellen, macht mich nervös. Noch viel nervöser bei ihm. Demnach habe ich mich nach dem Treffen per Nachricht bei ihm entschuldigt: "Es tut mir echt Leid, dass ich so viel Mist geredet habe, irgendwie war ich noch nervöser als sonst und dann kommt auch schon mal Quatsch aus mir raus. Ich hoffe, dir hats trotzdem gefallen." Seine Antwort war: "Finde nicht, dass du viel Mist geredet hast. Meine Auslassung über meine suboptimale Schulzeit sind ja auch nicht so cool gewesen. Dass ich mich mit jemandem stundenlang unterhalten kann, grenzt an ein Wunder und das liegt hauptsächlich an dir. Also mach dir deswegen keine Sorgen"

Samstag/Silvester: Wir waren auf der "Party" nur sieben Leute, was etwas merkwürdig war. Meine Freunde haben J. gut aufgenommen, aber dadurch, dass wir uns ewig kennen, ist es schwer. Während des Abends wirkte er aber zum Teil so leidend, dass ich ihm angeboten habe, eine Auszeit in meinem Zimmer zu nehmen. Dass ich auch mit ihm rausgehen kann. Aber all das hat er verneint. Dadurch, dass irgendwie alle meiner Freunde irgendwelche Ansprüche an sich-treffende-Paare an Silvester hatte, hatte ich sie irgendwie auch. Ich wollte sie nicht haben, aber sie hatten sich in meinen Kopf gepflanzt. Demnach war ich am Ende des Abends irgendwie enttäuscht. Er hatte kaum ein Wort mit mir gewechselt, obwohl er bis 4 Uhr geblieben war.

Als er sich aufbruchsfertig gemacht hat, habe ich ihn gefragt, ob ich ihn zum Bus bringen darf. Was ich gottseidank auch tue, da er keine Ahnung hat, wo der Bus fährt. Plötzlich unterhalten wir uns normal und ich entschuldige mich an die 300 Mal, worauf er 300 Mal sagt, dass es so schlimm nicht war wie es aussah. Der Bus kommt selbst 5 Minuten nach Abfahrzeit nicht an, ich frage ihn, was er macht, wenn der Bus nicht kommt. "Naja laufen." - "Du könntest auch einfach wieder mit reinkommen oder bei mir übernachten" - "Nee, ich kann auch laufen". Ich fühle mich als hätte ich alles falsch gemacht, obwohl es nicht mal ein "Ich will dich ins Bett kriegen"-Angebot war.

Obwohl es bereits 4 Uhr war, hatte ich nichts zu tun außer Musik zu hören und zu zweifeln. "Ich bin jetzt zuhause", ist das erste was ich von ihm höre. "Das ist gut", antworte ich, weil ich nicht anders kann. "Und mach dir bitte nicht so viele Gedanken. Bisher hat mich nichts davon abgehalten dich zu mögen". Erst grinse ich kurz und merke, wie gut er mich einfach schon kennt, was gleichzeitig gruselig ist. Dann stört mich das Wort "mögen". Ich mag ihn nicht nur. Das hier ist etwas elementar anderes und es macht mir Angst. Jedes weitere Wort macht mir Angst, aber dies so stehen zu lassen ist unter meiner Höflichkeitsgrenze. "Gedanken machen ist aber leider voll mein Ding. Aber ich versuchs, wenn du das schon so versicherst.." - "Glaube aber nicht, dass ich mir weniger Gedanken machen könnte." Diese Ähnlichkeit, dieses gleich auf einer Ebene existierende Gefühl, das man sagen kann, was man gerade möchte. In dieser Nacht schlafe ich 2 Stunden unterteilt in gute 3 Phasen. Um halb Neun stehe ich wieder auf und fühle mich genauso beschissen wie vorher. Starr vor Angst und emotional ausgelaugt. Und hoffnungsvoll, irgendwie hoffnungslos.

Sonntag/Neujahr: Der Tag war ein Grauen, aber ich wusste, dass er sich meldet: "Und hat das mit dem Weniger-Gedanken-Machen geklappt?" - "Willst du die Antwort, die du wohl eher hören willst oder die ehrliche?" - "die ehrliche" - "Es hat gar nicht geklappt. Ich bin im Kopf ausschalten einfach nicht gut" - " Tut mir Leid, dass ich sowas bei dir anrichte. Hilft dir wahrscheinlich nicht, aber mir ging es ähnlich. Dazu schaltet mein Körper dann gerne in den Alarmzustand, also Schlafen ist dann erstmal nicht drin." - "Du musst dich sicher nicht dafür entschuldigen, dass es mir wichtig ist, wie du über was denkst.[...] Auch wenn es mir nicht zusteht zu fragen: Wieso hast du dir Gedanken gemacht? Ich meine, du hast das ja nicht inszeniert oder ähnliches" - "Worauf beziehst du dich mit dem nicht inszeniert?" - "Darauf, dass ich dich eingeladen habe, obwohl genau weiß wie unangehm es sein kann in so eine Gruppe zu kommen in der sich alle kennen. [...]" - "Es ist für jeden Menschen schwer [...] Bei mir kommt halt hinzu, dass ich sehr lange brauche, bis ich Menschen vertrauen und mich öffnen kann. [...] Das ist aber nicht dein Problem und ich muss selber damit fertig werden und deshalb überwinde ich mich auch sowas zu machen. Natürlich fühle ich mich auch total geehrt, dass mich jemand so in sein Leben lässt, das ist etwas völlig Unbekanntes für mich."

Ich versichere ihm, dass meine Freunde ihn nett fanden und absolutes Verständnis dafür hatten, dass es nicht so einfach war, da rein zu kommen, wie wir miteinander umgehen im Freundeskreis. Wir kennen uns nunmal seit 7 Jahren und ihn kannten die anderen gar nicht.
Er: "Ich habe mich eigentlich unglaublich gefreut, auch wenn ich das nicht so zeigen kann. Ich bin auch froh, dass ich da war und Silvester mit dir feiern durfte. Ich will auch eigentlich offen sein (was ich auch sonst bei niemandem außer dir kann), zum anderen will ich dir auch nicht nur von meinen Problemen erzählen, weil ich auch nicht will, dass du denkst, ich sei ein sozialunfähiges psychologisches Wrack (was auch nicht so ist, mir fallen nur manceh Dinge schwerer als anderen) und ich will auch nicht immer nur von mir selber reden, weil es für mich ja genauso wichtig ist, wie es dir geht." - "Also falls es dich beruhigt, ich würde dich immer wieder einladen. [...] Ich halte dich nicht für ein Wrack (egal in welcher Kategorie). [...] Mir gehts gut, wenn ich bei dir bin, das ist doch was."

Und ich weiß, er hat dieselbe Angst und sie scheint bei uns beiden so unbegründet. Sie scheint bei beiden so falsch. Und dennoch sind wir die einzigen die uns die Angst nehmen können. Gegenseitig. Zusammen. Und das beste ist, wir beide können uns jede Menge Zeit nehmen uns zu vertrauen zu lernen. Uns aufeinander einzulassen. Weil wir nunmal anders sind. Entfernt von den sozialen Strukturen und dem gesellschaftlichen Druck.