Freitag: J. und ich treffen uns am Hauptbahnhof so wie bisher jedes Mal. Wir wollten ein Cafe ausprobieren, das wir beide nicht kennen. Als wir hereingehen, uns den gefühlt kleinsten Tisch im Laden suchen und uns setzen. Draußen kommen langsam die Wintertemperatur und zunächst ist es zwischen uns still wie Schnee. Ich glaube, wir haben ungefähr 10 Minuten geredet gehabt, als die Frage, ob er Silvester kommen will aus mir herausplatzt. Ich sehe ihm an, dass er sich freut, aber auch kurz zögert und auch nicht klar zeigen will, dass es ihn freut. Er sagt aber zu und das ist das einzige, was mich daran wirklich interessiert. Irgendwann reden wir übers Heiraten und das wir beide das nicht als sinnvoll ansehen, wir reden über Kinder, die Stand jetzt nicht unser Wunsch sind, aber wer weiß, wie sich das ändert.
Dann kommen wir auf das Thema Schule und er öffnet sich mir. Er erzählt mir, dass er kaum Freunde hatte, irgendwie auch nie Anschluss gefunden hat, obwohl er es versucht hat. Ich war darauf nicht vorbereitet und habe versucht zu helfen. Er weiß bis heute nicht, ob er das wirklich verarbeitet hat. Ob es nicht nur an ihm lag. Er war sich bis vor einigen Jahren nicht mal sicher, ob er überhaupt soziale Bindungen bekommt. Und dann saß ich dort, beim dritten außeruniversitären Treffen und fragte mich, wieso niemand diesen wundervollen Menschen gesehen hat.
Dann nach guten 4 Stunden passiert etwas, das vorher nie passiert war, wir schwiegen und hatten beide kein besonderes Thema auf den Lippen, also fing ich an Mist zu reden. Schweigen und damit Blickkontakt herstellen, macht mich nervös. Noch viel nervöser bei ihm. Demnach habe ich mich nach dem Treffen per Nachricht bei ihm entschuldigt: "Es tut mir echt Leid, dass ich so viel Mist geredet habe, irgendwie war ich noch nervöser als sonst und dann kommt auch schon mal Quatsch aus mir raus. Ich hoffe, dir hats trotzdem gefallen." Seine Antwort war: "Finde nicht, dass du viel Mist geredet hast. Meine Auslassung über meine suboptimale Schulzeit sind ja auch nicht so cool gewesen. Dass ich mich mit jemandem stundenlang unterhalten kann, grenzt an ein Wunder und das liegt hauptsächlich an dir. Also mach dir deswegen keine Sorgen"
Samstag/Silvester: Wir waren auf der "Party" nur sieben Leute, was etwas merkwürdig war. Meine Freunde haben J. gut aufgenommen, aber dadurch, dass wir uns ewig kennen, ist es schwer. Während des Abends wirkte er aber zum Teil so leidend, dass ich ihm angeboten habe, eine Auszeit in meinem Zimmer zu nehmen. Dass ich auch mit ihm rausgehen kann. Aber all das hat er verneint. Dadurch, dass irgendwie alle meiner Freunde irgendwelche Ansprüche an sich-treffende-Paare an Silvester hatte, hatte ich sie irgendwie auch. Ich wollte sie nicht haben, aber sie hatten sich in meinen Kopf gepflanzt. Demnach war ich am Ende des Abends irgendwie enttäuscht. Er hatte kaum ein Wort mit mir gewechselt, obwohl er bis 4 Uhr geblieben war.
Als er sich aufbruchsfertig gemacht hat, habe ich ihn gefragt, ob ich ihn zum Bus bringen darf. Was ich gottseidank auch tue, da er keine Ahnung hat, wo der Bus fährt. Plötzlich unterhalten wir uns normal und ich entschuldige mich an die 300 Mal, worauf er 300 Mal sagt, dass es so schlimm nicht war wie es aussah. Der Bus kommt selbst 5 Minuten nach Abfahrzeit nicht an, ich frage ihn, was er macht, wenn der Bus nicht kommt. "Naja laufen." - "Du könntest auch einfach wieder mit reinkommen oder bei mir übernachten" - "Nee, ich kann auch laufen". Ich fühle mich als hätte ich alles falsch gemacht, obwohl es nicht mal ein "Ich will dich ins Bett kriegen"-Angebot war.
Obwohl es bereits 4 Uhr war, hatte ich nichts zu tun außer Musik zu hören und zu zweifeln. "Ich bin jetzt zuhause", ist das erste was ich von ihm höre. "Das ist gut", antworte ich, weil ich nicht anders kann. "Und mach dir bitte nicht so viele Gedanken. Bisher hat mich nichts davon abgehalten dich zu mögen". Erst grinse ich kurz und merke, wie gut er mich einfach schon kennt, was gleichzeitig gruselig ist. Dann stört mich das Wort "mögen". Ich mag ihn nicht nur. Das hier ist etwas elementar anderes und es macht mir Angst. Jedes weitere Wort macht mir Angst, aber dies so stehen zu lassen ist unter meiner Höflichkeitsgrenze. "Gedanken machen ist aber leider voll mein Ding. Aber ich versuchs, wenn du das schon so versicherst.." - "Glaube aber nicht, dass ich mir weniger Gedanken machen könnte." Diese Ähnlichkeit, dieses gleich auf einer Ebene existierende Gefühl, das man sagen kann, was man gerade möchte. In dieser Nacht schlafe ich 2 Stunden unterteilt in gute 3 Phasen. Um halb Neun stehe ich wieder auf und fühle mich genauso beschissen wie vorher. Starr vor Angst und emotional ausgelaugt. Und hoffnungsvoll, irgendwie hoffnungslos.
Sonntag/Neujahr: Der Tag war ein Grauen, aber ich wusste, dass er sich meldet: "Und hat das mit dem Weniger-Gedanken-Machen geklappt?" - "Willst du die Antwort, die du wohl eher hören willst oder die ehrliche?" - "die ehrliche" - "Es hat gar nicht geklappt. Ich bin im Kopf ausschalten einfach nicht gut" - " Tut mir Leid, dass ich sowas bei dir anrichte. Hilft dir wahrscheinlich nicht, aber mir ging es ähnlich. Dazu schaltet mein Körper dann gerne in den Alarmzustand, also Schlafen ist dann erstmal nicht drin." - "Du musst dich sicher nicht dafür entschuldigen, dass es mir wichtig ist, wie du über was denkst.[...] Auch wenn es mir nicht zusteht zu fragen: Wieso hast du dir Gedanken gemacht? Ich meine, du hast das ja nicht inszeniert oder ähnliches" - "Worauf beziehst du dich mit dem nicht inszeniert?" - "Darauf, dass ich dich eingeladen habe, obwohl genau weiß wie unangehm es sein kann in so eine Gruppe zu kommen in der sich alle kennen. [...]" - "Es ist für jeden Menschen schwer [...] Bei mir kommt halt hinzu, dass ich sehr lange brauche, bis ich Menschen vertrauen und mich öffnen kann. [...] Das ist aber nicht dein Problem und ich muss selber damit fertig werden und deshalb überwinde ich mich auch sowas zu machen. Natürlich fühle ich mich auch total geehrt, dass mich jemand so in sein Leben lässt, das ist etwas völlig Unbekanntes für mich."
Ich versichere ihm, dass meine Freunde ihn nett fanden und absolutes Verständnis dafür hatten, dass es nicht so einfach war, da rein zu kommen, wie wir miteinander umgehen im Freundeskreis. Wir kennen uns nunmal seit 7 Jahren und ihn kannten die anderen gar nicht.
Er: "Ich habe mich eigentlich unglaublich gefreut, auch wenn ich das nicht so zeigen kann. Ich bin auch froh, dass ich da war und Silvester mit dir feiern durfte. Ich will auch eigentlich offen sein (was ich auch sonst bei niemandem außer dir kann), zum anderen will ich dir auch nicht nur von meinen Problemen erzählen, weil ich auch nicht will, dass du denkst, ich sei ein sozialunfähiges psychologisches Wrack (was auch nicht so ist, mir fallen nur manceh Dinge schwerer als anderen) und ich will auch nicht immer nur von mir selber reden, weil es für mich ja genauso wichtig ist, wie es dir geht." - "Also falls es dich beruhigt, ich würde dich immer wieder einladen. [...] Ich halte dich nicht für ein Wrack (egal in welcher Kategorie). [...] Mir gehts gut, wenn ich bei dir bin, das ist doch was."
Und ich weiß, er hat dieselbe Angst und sie scheint bei uns beiden so unbegründet. Sie scheint bei beiden so falsch. Und dennoch sind wir die einzigen die uns die Angst nehmen können. Gegenseitig. Zusammen. Und das beste ist, wir beide können uns jede Menge Zeit nehmen uns zu vertrauen zu lernen. Uns aufeinander einzulassen. Weil wir nunmal anders sind. Entfernt von den sozialen Strukturen und dem gesellschaftlichen Druck.
Das liest sich so wundervoll.
AntwortenLöschenIhr beide seid Wudervoll.
Ich drücke die Daumen für euch, das es was wird.
Und ich hoffe,ich darf noch einiges mehr von J lesen c:
mehr glück geht nicht.
AntwortenLöschen..konnte au ne verstehen, wieso im vorherigen artikel ein zweifel gab, ihn nicht einzuladen, hätte mich doch sehr verwundert, aber du hast es ja noch in time korrigiert..