Irgendwann hat man genug. Genug gesehen, genug geschmeckt, genug gehört. Genug gewonnen, genug konsumiert, genug erlebt. Genug verloren, genug verlassen, genug gelitten.
Irgendwann will man nicht mehr höher, schneller, weiter. Nicht mehr mehr, nicht mehr weniger, nicht mehr sein.
"Aber du musst über ihn hinwegkommen", "So jemanden hast du nicht verdient", "Es gibt jemanden, der besser passt": weiter, mehr, besser. Nichts davon interessiert mich.
Dienstag kam er zu mir, nahm Abschied. Oder viel mehr tat ich es. Ich war es, die geweint hat. Ich war die, die er zurückließ. Er ging einfach, er verabschiedet sich nicht. Für ihn war es kein Ende, kein Verlust, kein emotionaler Moment. Für ihn war es eine Verpflichtung, eine Höflichkeit, wenn man bösartig denkt vielleicht gar eine Art Strategie.
Wir reden den ganzen Abend über Bayreuth, wie weit das vom Ruhrgebiet entfernt ist, wo er dort unterkommen wird, wie sein neuer Job ist und dass er so wohl nicht oft hier sein wird. Er sagt es fällt ihm schwer Abschied zu nehmen, schwer hierwegzugehen. Und alles in mir schreit, schon seit Tagen. Seit ich weiß, dass er geht. Endgültig.
Ich sage: "in einem schlechten Kitschfilm würde ich dir jetzt sagen "bitte bleib"" und fange noch bevor ich den halben Satz gesagt habe, an zu weinen. Natürlich hatten wir vorher Sex, vielleicht war er nur dafür da. Er hat zwei Orangen gegessen, mir erzählt, dass sein neuer Job nur bis August befristet ist und er es sich durchaus vorstellen kann, danach wiederzukommen. Hierher.
"Weißt du, ich habe versucht nicht emotional zu sein. Wirklich. Aber wir haben hier seit zwei Jahren was weiß ich am Laufen. Du hast es vorletzten Oktober beendet und im darauffolgenden Februar wieder angefangen. Und es lief bis heute und du tust so als könntest du gehen ohne ein Wort darüber zu verlieren. So wenig emotional kann ich nicht sein. Belastet dich das gar nicht?"
"Ich wusste nicht, dass dich das so trifft. Irgendwie war ich so sehr mit dem Umzug und sowas beschäftigt, dass ich vergessen habe, wie es anderen geht. Ich meine, wir haben ja jetzt auch keine feste Beziehung geführt zwei Jahre lang. Dann wäre es sicherlich was anderes. Und ich habe den Umzug eh noch nicht realisiert aber ehrlicherweise trifft mich das nicht so."
Ich nicke und murmele, dass ich das schon verstehe. Dann legt er seinen Arm um mich, streicht mir zum Trost über den Nacken und über den Rücken. Er ist überfordert mit meinen Gefühlen und dann sucht er Nähe. Aus Reflex lehne ich mich an seine Brust, woraufhin er kurz aufhört zu atmen und zu streichen. Ebenso reflexartig setze ich mich wieder auf. Er sagt: "Du kannst mich jederzeit in Bayreuth besuchen kommen und ich meine, in gut 8 Monaten bin ich da ja auch schon wieder fertig." Ich seh ihn an und lache "So weit soll ich für dich fahren? Bild dir jetzt mal nichts ein.". Er lächelt. "Zum Wandern bist du schon ganz andere Strecken gefahren. Und ich kann dir dann die besten Ecken zeigen."
Danach gehen wir zusammen zur Bahn und er sagt "Schreib mir immer, wenn du mir schreiben willst. Spar dir keine Gedanken" - "Das willst du sicherlich nicht" - "Ich hab es dir gerade erlaubt" - "Dann schreib du auch mal mehr" Sobald er eingestiegen ist, drehe ich mich um. Mir wurde noch nie so liebevoll gesagt, dass er nichts für mich empfindet. Dass es nicht mehr als Sex. An keinem Tag dieser zwei Jahre.
Und während ich nach Hause lief, zerbrach ich in tausend Teile. Sie verstreuten sich im Wind und ich weiß nicht, ob ich sie wiederfinde oder sie wiederfinden will.