Donnerstag, 10. Dezember 2020

Du willst nicht mehr wachsen, dich nicht neu erfinden. Du willst nicht gewinnen, am besten einfach verschwinden

Irgendwann hat man genug. Genug gesehen, genug geschmeckt, genug gehört. Genug gewonnen, genug konsumiert, genug erlebt. Genug verloren, genug verlassen, genug gelitten.

Irgendwann will man nicht mehr höher, schneller, weiter. Nicht mehr mehr, nicht mehr weniger, nicht mehr sein.

"Aber du musst über ihn hinwegkommen", "So jemanden hast du nicht verdient", "Es gibt jemanden, der besser passt": weiter, mehr, besser. Nichts davon interessiert mich. 

Dienstag kam er zu mir, nahm Abschied. Oder viel mehr tat ich es. Ich war es, die geweint hat. Ich war die, die er zurückließ. Er ging einfach, er verabschiedet sich nicht. Für ihn war es kein Ende, kein Verlust, kein emotionaler Moment. Für ihn war es eine Verpflichtung, eine Höflichkeit, wenn man bösartig denkt vielleicht gar eine Art Strategie. 

Wir reden den ganzen Abend über Bayreuth, wie weit das vom Ruhrgebiet entfernt ist, wo er dort unterkommen wird, wie sein neuer Job ist und dass er so wohl nicht oft hier sein wird. Er sagt es fällt ihm schwer Abschied zu nehmen, schwer hierwegzugehen. Und alles in mir schreit, schon seit Tagen. Seit ich weiß, dass er geht. Endgültig. 

Ich sage: "in einem schlechten Kitschfilm würde ich dir jetzt sagen "bitte bleib"" und fange noch bevor ich den halben Satz gesagt habe, an zu weinen. Natürlich hatten wir vorher Sex, vielleicht war er nur dafür da. Er hat zwei Orangen gegessen, mir erzählt, dass sein neuer Job nur bis August befristet ist und er es sich durchaus vorstellen kann, danach wiederzukommen. Hierher. 

"Weißt du, ich habe versucht nicht emotional zu sein. Wirklich. Aber wir haben hier seit zwei Jahren was weiß ich am Laufen. Du hast es vorletzten Oktober beendet und im darauffolgenden Februar wieder angefangen. Und es lief bis heute und du tust so als könntest du gehen ohne ein Wort darüber zu verlieren. So wenig emotional kann ich nicht sein. Belastet dich das gar nicht?"

"Ich wusste nicht, dass dich das so trifft. Irgendwie war ich so sehr mit dem Umzug und sowas beschäftigt, dass ich vergessen habe, wie es anderen geht. Ich meine, wir haben ja jetzt auch keine feste Beziehung geführt zwei Jahre lang. Dann wäre es sicherlich was anderes. Und ich habe den Umzug eh noch nicht realisiert aber ehrlicherweise trifft mich das nicht so."

Ich nicke und murmele, dass ich das schon verstehe. Dann legt er seinen Arm um mich, streicht mir zum Trost über den Nacken und über den Rücken. Er ist überfordert mit meinen Gefühlen und dann sucht er Nähe. Aus Reflex lehne ich mich an seine Brust, woraufhin er kurz aufhört zu atmen und zu streichen. Ebenso reflexartig setze ich mich wieder auf. Er sagt: "Du kannst mich jederzeit in Bayreuth besuchen kommen und ich meine, in gut 8 Monaten bin ich da ja auch schon wieder fertig." Ich seh ihn an und lache "So weit soll ich für dich fahren? Bild dir jetzt mal nichts ein.". Er lächelt. "Zum Wandern bist du schon ganz andere Strecken gefahren. Und ich kann dir dann die besten Ecken zeigen." 

Danach gehen wir zusammen zur Bahn und er sagt "Schreib mir immer, wenn du mir schreiben willst. Spar dir keine Gedanken" - "Das willst du sicherlich nicht" - "Ich hab es dir gerade erlaubt" - "Dann schreib du auch mal mehr" Sobald er eingestiegen ist, drehe ich mich um. Mir wurde noch nie so liebevoll gesagt, dass er nichts für mich empfindet. Dass es nicht mehr als Sex. An keinem Tag dieser zwei Jahre. 

Und während ich nach Hause lief, zerbrach ich in tausend Teile. Sie verstreuten sich im Wind und ich weiß nicht, ob ich sie wiederfinde oder sie wiederfinden will.

 

3 Kommentare:

  1. Vielen Lieben Dank, für deine lieben Worte.
    Ich hätte selbst nicht gedacht, dass ich in diese Welt wieder eintauchen werde.
    Aber so abwegig war es eigentlich auch nicht, immerhin habe ich sie nie komplett verlassen oder Lebewohl gesagt.
    Ich finde es auch ein wenig trostspendend, dass manche von früher immer noch hier sind. Aber gleichzeitig ist es auch traurig, wenn man doch sieht, dass das große Glück wohl immer noch irgendwo wartet.
    Ich dachte, ich hab meins gefunden. Aber man täuscht sich so oft.

    Ich wünsche dir genauso viel Kraft, diese Situation zu überstehen. Gefühle sind manchmal ein Arschloch, vor allem dann, wenn man nur sie selbst fühlt.
    Lass dich nicht unterkriegen.

    Und frohe Weihnachten, wenn man das dieses Jahr noch so sagen kann.

    Liebe Grüße

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  2. Ich habe mich gefreut von dir zu lesen, und ich wollte mich noch für deinen Kommentar vom September bedanken. Ich schreibe eigentlich noch total viel, lade nur immer wenig hier hoch. Ich hoffe dass du dich bald wieder zusammensetzen kannst egal ob aus alten oder neuen Teilen. Wichtig ist, man darf auch manchmal kaputt herum laufen. Man darf sich Zeit nehmen um sich wieder zusammenzusetzen. Ich hoffe, du findest alles was dafür brauchst. Ich wünsche es dir.

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  3. Meine Liebe,
    deinen Text habe ich schon vor vielen Monaten gelesen. Aber mir haben die Worte gefehlt und dann kam das Leben. Und immer wieder musste ich an den Schmerz denken, den ich fühlte, wenn ich an deine Worte dachte.
    Ich hoffe, dass die Zeit vielleicht ihren Teil beigetragen hat. Aber zwei Jahre vergisst man nun icht einfach in einem halben Jahr. Fühe dich gedrückt von mir.
    Und wenn du weit zum wandern fahren willst, dann komm zu mir. Hier kann man prima wandern gehen und ich lerne immer wieder neue Orte und Gipfel kennen ♥

    In Liebe...Nanouk

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