Wenn man Beziehungsprobleme hat, so wurde mir beigebricht, hilft Eis, Alkohol und Heimat. Da ich sowieso nur noch gut 10 Euro für den Monat übrig hatte, kommt Heimat rechtzeitig. Ich setze mich also in den Zug und steige nochmal aus. Ich übergebe mich und setze mich wieder rein. Die Leute starren. Ich stehe mit Anzughose, Bluse, Sonnenbrille und Kopfhörern im Zug und denke mir, dass es mich einen Scheiß interessiert, was die Leute denken.
"Ey Schnecke", sagt einer, der Glück hat, dass selbst Lieder auf dem Handy mal zuende gehen.
"Versuchs erst gar nicht", sag ich, zieh keinen Stöpsel aus dem Ohr (mache aber unauffällig leiser) und guck so genervt, wie ich will. Die Sonnenbrille schützt mich. "Sag mal, wir heute abend?", fragt er und zum Bedauern der Menschheit scheint er nicht mal getrunken zu haben. Höflichkeit ist tot, Menschlichkeit verblutet. "Glaubst du wirklich, dass ich mit dem erstbesten mitgehe? Glaubst du wirklich mein Niveau wäre so verflucht tief? Ich steh hier direkt vor dir. Habe ich irgendwas an mir, dass dir den Glauben gibt, ich würde heute abend irgendwas mit dir machen? Lass mich einfach in Frieden." Er guckt mich von oben bis unten an und sagt während er geht: "Naja, du siehst aus als könnte man dich ficken." Erneut wird mir füchterlich schlecht. Schlecht von den Menschen. Ich verkrieche mich also in mein Buch (momentan Goethes Wahlverwandtschaft, wie passend: zusammen und doch so weit getrennt, wenn auch bei denen physisch und nicht psychisch).
Während ich den Zug wechsele, ich schreibe ich jemandem, dem ich viel zu lange nicht geschrieben habe: "Ich bin morgen da." - "Dann gehen wir was trinken" - "Und wenn ich nicht will?" - "Ich vermisse dich. Deine Bachelorarbeit hat zu lange gedauert." - "Nur wenn du nicht mit dem Auto kommst." - "Ich komm immer mit dem Auto" - "Dann trinken wir nichts." - "Aber wir trinken immer. Unser Leben lässt nur das zu."
Ich komme zuhause an. "Hallo, bekommst du jetzt eigentlich wieder BAföG? Also du hast die Bachelorarbeit doch abgegeben oder?", sind die ersten Fragen, die mein Vater stellt. Mir ist schlecht. Ich sag, dass ich es nicht weiß, aber geldtechnisch schon klar komme. Meine Mutter erzählt all die hässlichen Dinge, die ich verpasst habe. Dass mein Vater sich extra außerhalb ihrer Arzttermine Urlaub nimmt, obwohl er sich einfach, ganz einfach freinehmen kann. Er hat sie stundenlang Zugfahren lassen, obwohl es für ihn nur eine halbe Stunde mit dem Auto ist. Mein Bruder lässt sich von vorne bis hinten bedienen nur weil er angefangen hat zu arbeiten. Meine Mutter hat kaum noch irgendein gesundes Körperteil und sie machen sie kaputt und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Ich hasse diese Menschen. Ich hasse sie alle so sehr.
Ich geh raus, zünd mir schon wieder eine Kippe an. Ich wollte mit der Abgabe der BA aufhören, aber ich kann erst aufhören, wenn das Leben aufhört alles schwarz zu machen. Wenn der Nihilismus verschwindet.
Nächster Abend, ich zieh mich an, geh raus, schreib der Person, dass ich gleich da bin. Er steht angelehnt an der Laterne: "Das war ganz schön spontan", sagt er. Ich hab Tränen in den Augen. "Jetzt fühlt es sich wie Heimat an", sage ich. Wir bestellen uns was zu trinken. Wir trinken viel, aber wie immer nicht zu viel. Nicht genug, um die Hemmschwelle zu brechen. "Wie läuft deine Beziehung?", fragt er. "Naja, wenn Menschen klammern, wenn Menschen Tagebücher lesen, wenn..", "Du bist nicht mehr glücklich. Was hast du vor?", unterbricht er mich. Ich zucke mit den Schultern und lächele schief. "Ich glaube, ich bleibe für immer allein", sagt er. "Bist du über deine Ex hinweg?" - "Ja, ich denke, es ist besser so. Wir haben irgendwie zusammen gepasst, aber irgendwo auch nicht." Nicht so wie wir, denke ich. Wir reden über alte Zeiten, über die Schule. Über das, was wir dachten, die schlimmste Zeit wäre. Und dabei ist heute alles soviel schlimmer. Soviel dunkeler. "Naja, noch dunkler als damals kann es nicht werden", sage ich - "Na außer im Tod. Was soll man hier noch leben? Was mache ich hier noch? Es gibt niemandem mehr, der überhaupt versucht objektiv zu sein. Ausländer sind böse, rechte okay, solange sie nicht zu aggressiv sind, halt nicht so wie die Linken, achja, die bösen Linken. Ich kann über diese Gesellschaft nur noch kotzen." Ich erzähle ihm von dem Vorfall im Zug. "Dein Ernst? So Leute sollte man anspucken. So Leute sollte man erklären, dass die Menschlichkeit tot ist. Und sie daran schuld sind. Genauso wie jeder von uns."
Wir trinken weiter unseren Wein und werden mit jedem Schluck trauriger. Wir rauchen eine Zigarette nach der anderen und werden mit jedem Zug mehr von Grausamkeit erfüllt. "Maxi, sag ich, glaubst du denn wirklich, dass es nichts lebenswertes mehr gibt?" - "Ach Liebes, mach dir keine Sorgen. Solange es Menschen wie dich gibt. Nein Stop. Solange es nur dich gibt, hat die Welt eine Hoffnung. Diese einzige." - "Es gibt mehr Menschen, die sind wie ich." - "Ich habe nicht eine gefunden, weißt du. In meinem ganzen Leben nicht."
"Habe ich eigentlich irgendwann mal wen nicht mitbekommen, die mehr empfunden hat? So richtig? Wegen mir? Glaubst du, ich bin liebenswert? Ich weiß, du hast jahrelang gesagt, dass ich sowohl innen als auch außen toll bin. Aber ich seh das nicht. Ich fühl das nicht. Niemand lässt mich das fühlen.", sagt Maxi. "Ich weiß es nicht. Ich kann ja keine Gedanken lesen.", sage ich und schluck so heftig, dass es Steine im Hals sein könnten. "Es gibt niemanden, wie dich. Niemanden, der mich zu verstehen scheint ohne, dass ich das sagen muss. Ohne, dass ich selbst den Gedanken zu Ende denken muss." - "Wieso glaubst du, komm ich nach Hause, wenn es sich so anfühlt als würde das Leben mich in einem Biss verspeisen?" - "Wegen deinem grandiosen Vaterverhältnis", sagt er und lacht bitter. Darauf starren wir uns einige Sekunden nur traurig an bis die Kellnerin den Laden schließen will. Wir schwanken etwas die Straße runter, bis er nach rechts und ich nach links muss. "Ich melde mich sofort, wenn ich wieder hier bin" - "Also frühenstens an deinem Geburtstag? (Ende September)" - "Vermutlich", seufze ich und bin zeitgleich erstaunt, dass Maxi mal weiß, wann das ist. "Pass auf dich auf" - "Und du erst auf dich." Wir gehen auseinander. Die restliche Nacht weine ich um mein Leben.
Wieso ist jede Aussicht besser als das jetzt? Weil alles nichts ist, sagt der Nihilismus und ich möchte schreien.
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