Donnerstag, 5. Dezember 2013

Auf den Schultern von Giganten vielleicht landen wir nie. Augen groß wie der Mond, sieh' wie sich Schatten verziehen. Atme ganz tief, den Moment ein - lass ihn dann nie - los. Spür' wie dein Herz grad 'nen Schlag überspringt.



Sie geht in das Gebäude, was jeder ihrer Mitmenschen von damals nie mehr betreten will. Nie mehr komm ich wieder zurück, nie mehr. Waren ihrer aller Gedanken, doch sie wusste genau, dass sie das Innenleben dieses Ortes nicht vergessen wird. Nicht vergessen kann. Sie kennt noch jeden Gang. Sieht Bilder aus lang vergessenen Tagen vor sich. Hier hat Maxi sie anlächelt und hier hat sie ihn heimlich angestarrt. Und irgendwo dazwischen tat es mal weh. Tut es immernoch. Es verändert sich alles mit der Zeit, aber manche Dinge bleiben, sind konstante Lebensbegleiter: Liebe, Schmerz, allgemein Gefühle. Und irgendwo bei mir, da ist auch die Leere. Doch die Symbiose aus beidem ergibt keine Leere. Die Leere ist unendlich aber sie kann nicht leerer werden. Denn 300 Mal Unendlich ist noch immer unendlich. Heißt es, dass es ein Ende gibt? Irgendwo zwischen vergangenen Gedanken und Erinnerungen, die noch immer in ihren Adern fließen, bleibt sie stehen. „HERR A.“ steht an der Tür. Es ist Elternsprechtag und während sie auf der Suche nach S. ist, sieht sie nur diese Liste mit Namen. Sie rennt hinaus. Wie schon sooft, stellt sie sich hinter die Mauer und weint. Menschen schauen sie an wie einen Verkehrsunfall. Jeder weiß, man sollte wegschauen, aber man kann nicht, weil der Mensch von Natur aus daran interessiert ist, was passiert. Sie weiß nicht genau, wieso sie weint.

 Sie denkt an dieses junge, viel jüngere Mädchen, das nicht unweit von hier ebenso dasaß. Mit einem Unterschied: Sie hatte ein Messer in der Hand und einen blanken Arm. Auch wenn es ihr wie eine Geschichte ihrer Vergangenheit vorkommt, war es vor einigen Tagen. Sie traf, man könnte sagen, die Kopie ihrerselbst. „Was zur Hölle hast du vor?“, rief das Mädchen, dem Wesen, dem das Leben so falsch vorkam entgegen. „Das geht dich gar nichts an. Das kann dir egal sein.“ Das Mädchen nickt. „Natürlich kann es mir egal sein. Aber du sitzt hier genau hier deshalb weil es sovielen Menschen egal ist. Weil niemand mitbekommt wieviel Blut man Nacht für Nacht verliert.“ Das weinende Mädchen schaut traurig. „Er liebt mich nicht, weißt du.“, schluchzt sie. „Erzähl mir von ihm“, fordert sie sie auf und setzt sich neben sie. „Er ist kein schöner Mensch. Er ist sehr Ich-besessen und tut eigentlich nur Dinge, die ihm gefallen. Er nimmt keine Rücksicht, auf niemanden. Alle meine Freunde sagen, dass er schlecht für mich ist. Aber ich denke, dass er mich versteht. Er hilft mir.“ Beide schlucken kräftig. Es ist als wäre dieses Mädchen nicht nur eine Kopie ihrerselbst, nein ihre Geschichten klingen auch noch ähnlich. Sie unterhalten sich viele Minuten bis das weinende Mädchen sich beruhigt hat. „Ich weiß nicht, ob ich all das Blut für immer von mir fernhalten kann, aber zumindest für heute, hast du das geschafft, was niemand anders versucht hat.“ Sie lächelt. „Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie danken.“ Sie grübelt. „Du musst mir nicht danken. Dein Lächeln, das reicht mir. Und der Gedanke, dass du für immer eine Narbe weniger am Körper hast.“  

Noch immer lehnt sie an der Mauer. Eigentlich ist ihr alles zuviel. Eigentlich würde sie gerne alles hinschmeißen. Aber etwas hält sie ab. Sie geht auf die Toilette und macht sich frisch. Sie trifft sich mit S., tauscht sich über Studium und Freunde aus. Sie merkt, dass manche Menschen einen immer verstehen, egal wie lange man sich nicht sieht. S. geht zur Arbeit. Sie bleibt stehen, geht noch einmal zurück. Trifft dort noch so einen Menschen, der niemals wieder zurückkommen wollte, aber seinen Bruder abholt, der gerade einen Termin bei Herrn A. hat. Beide gehen vor den Raum und warten. „Ja, wir sehen uns ja dann noch nächste Woche vor der Arbeit“, erschrocken, obwohl sie darauf vorbereitet war, hält sie die Luft an. „Denise?“, fragt er ebenso erschrocken. „Was machst du hier?“. Sie ist still und merkt wie sie wieder atmen kann. Durchatmen. Der Rucksack wird endlich in die Ecke gestellt. „Ich weiß es selbst nicht so genau. Ich hab mich mit S. getroffen und irgendwie dachte ich, ich muss genau hier stehen. Genau jetzt.“ Er lächelt. „Dann komm mal rein.“

Wie in der üblichen Lehrerbesprechen sitzen sie sich gegenüber. „Also mit deiner Leistung Denise bin ich sehr zufrieden. Du glänzt zwar durch Abwesenheit, die ich sehr verachte, aber ich weiß ja, dass du gutes für die Philosophie tust.“ Er lacht. Sie ist noch immer nicht ganz da. „Wissen Sie, ich würde Ihnen so gerne erklären, wie sehr ich es liebe Philosophie zu studieren. Wie ich jeden Sokrates Dialog vergöttere und gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, Ihnen davon zu erzählen. Aber ich müsste lügen.“ Er schaut sie an mit diesem Blick, den sie nur zu gut kennt: ein Misch aus Analyse und Mitleid, beinahe Schmerz. „Ich war mir so sicher, dass du Philosophie liebst und auch lieben wirst…“, flüstert er. „Ich liebe die Philosophie, ich liebe jedes Seminar, jeden Text, den ich lesen darf. Nur gibt es da den Gegenspieler Mathe, wissen Sie. Dieses Fach, das etwa 200 Stunden pro Woche braucht.“ Er runzelt die Stirn. „Denise, die Woche hat keine 200 Stunden.“ – „Das ist das Problem. Glauben Sie mir, Ich bin gut in Philosophie. Vielleicht nicht die beste, aber naja in der Uni zählen ja nur schriftliche Dinge bisher, also werde ich das wohl packen. Aber Mathe tötet mich.“ Er schüttelt den Kopf. „Weißt du noch, als du vor mir saßst, weinend weil du eine 2- in Philosophie geschrieben hast und glaubtest, dass du so niemals Philosophie studieren sollst? Und wo bist du jetzt? Du sitzt vor mir und tust genau dasselbe nur diesmal mit Mathe. Also komm in ein paar Jahren wieder und erzähl mir, wie grandios du warst. Also wie immer.“ Auch sie lächelt jetzt. „Ah, da ist es ja wieder. Selten gesehen, aber immer geschätzt“, wirft Herr A. ein. „Wie machen Sie das eigentlich immer?“, fragt sie. „Was genau?“ – „Mir selbst glaubhaft machen, dass ich was kann.“ – „Du weißt es. Manchmal muss man dich nur daran erinnern. Du bist einer dieser Überflieger, die man in beinahe jeder Stufe hat. Diese Person, die charakterlich meistens anders ist, aber gut ist. Nicht, weil sie viel lernt, sondern weil sie es im Blut und du, du hast die Philosophie im Blut.“ Mit jedem Wort fühlt sie sich besser. „Können Sie mir dann zufällig Mathe spritzen oder so?“ Sie lacht. „Ach, das hast du im großen Zeh, das muss nur noch den Körper durchlaufen.“ Beide lachen. Und als sie auf die Uhr schaut, ist es 20:30 Uhr und der Elternsprechtag offiziell seit 2 Stunde beendet. „Da haben wir uns wohl verquatscht, jetzt schläft Ihr Sohn sogar schon. Tut mir Leid!“, entschuldigt sie sich. „Kein Problem. Er wird verstehen, dass du für einen Tag mal wichtiger bist.“ Aus der zugeschlossenen Schule befreit, folgt ein kurzes: „Lass dich bei Gelegenheit mal wieder blicken“. Dann trennen sich die Wege und sie könnte tanzen vor Freude, vor Energie und Geborgenheit. Das Leben ist noch da, irgendwo dazwischen. Da wo es manchmal weh tut. Und da, wo es sich manchmal so unglaublich gut anfühlt.
 

3 Kommentare:

  1. Das hört sich wirklich schön an! Ich hoffe mal, dass es so bleibt. :)
    Übrigens hab ich dich getaggt. Du weißt ja, wie das geht. ;)

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