"Wie würdest du dich denn selbst so einschätzen?", fragt mein Lieblingslehrer. "Ne schöne 4+ mündlich?", antworte ich während ich auf den Boden starre. Ich schäme mich für die Leistung dieses Quartal. Er antwortet nicht. Er radiert seine Note aus und schreibt 4+ dahin. "Okay, dann der nächste bitte." Ich schaue ihn verwirrt an. "Die wolltest du doch, oder?" Er lächelt. Allein sein Blick drückt eine Wärme aus, die unmenschlich ist. Keine, vor der man als Mädchen Angst haben muss, sondern eine 'Komm aus deinem Loch raus, nur für den Moment'-Wärme, wenn ihr versteht was ich meine. "Aus reinem Interesse, was hatten Sie denn vorher dastehen?" "Eine 2-, aber wenn du die nicht willst, kein Problem. Ich verteile gerne schlechtere Noten an meine Lieblingsschüler.". "2-? Jetzt mal ehrlich, die habe ich doch gar nicht verdient. 70% des Unterrichts sitze ich da und starr die Wand an und die anderen 30% verbringe ich damit einen Text wiederzugeben, den alle anderen auch gelesen haben." Er starrt mich verwundert an, weiß nicht recht, was er sagen soll. "Denise, ich weiß ja nicht wie dein Gedächtnis so ist, aber du hast gerade von mir die mit Abstand beste Klausur aus dem Kurs wiederbekommen. Du hast in der ersten Aufgabe, die im Abitur, die wichtigste sein wird, eine 1 und hättest auch eine noch bessere Note als eine 2 in der Klausur, wenn du die Bereiche bei 3 konkret benannt hättest, aber du bist jedem, jedem in dem Kurs alleine gedanklich vor der Stunde schon 20 Kilometer voraus. Und während der Stunde sprintest du weiter, während die anderen locker wandern." Er macht eine Pause. "Du kannst gerne denken, dass ich dich so gut benote, weil ich dich sehr mag. Bitte denk jetzt nichts falsches. Aber ich bin streng, ich bin ein ernster Lehrer und wenn ich nicht wüsste, dass du ein Talent für Philosophie hättest und deine Leistungen bringen würdest, hättest du keine 2 von mir bekommen." Ich schaue ihn an, mein Atem ist fort, selbst die Leere hört auf zu stören. "Habe ich was falsches gesagt?", fragt er, denn inzwischen weiß er, dass ich auf alles merkwürdig reagiere. "Nein, haben sie nicht. Das war wohl nur beinahe das Netteste, was ich in den letzten 3,4 Wochen so real gehört habe." Er schaut mich mitfühlend, beinahe mitleidig an. "Ach übrigens, wussten Sie schon, dass ich den zweiten Schreibwettbewerb auch verhauen habe? Nur damit Sie nicht weiterhin glauben, dass ich schreiben kann." Er lacht. "Denise, bevor ich an deinem Talent zweifele, verfluche ich jede Jury der Welt. Wann machst du denn bei dem nächsten Wettbewerb mit?" "Am besten nie, wieso?" "Das erlaube ich dir nicht. Ich brauch was zu lesen. Ist so langweilig, bevor ich schlafen gehe und deinen Krimi habe ich schon zu oft gelesen." Er lacht wieder. Und während wir in den Klassenraum treten, weiß ich genau, dass er jedes dieser Worte ernst meinte. Weiß ich, dass ich es niemals glauben werde.
________
Falls jemand den Text für den Wettbewerb lesen möchte:
Macht Nichts - Wettbewerb
Edit (5.11) : Jetzt sollte man den Link auch wirklich benutzen können, tut mir Leid.
Hallo, ich habe deinen Blog gerade erst entdeckt, aber ich studiere selbst Philosophie und die Situation mit dem Lehrer kommt mir aus meiner Schulzeit sehr bekannt vor. Genau wie die Sache mit den mündlichen Noten...
AntwortenLöschenMich würde dein Text sehr interessieren, ich habe mal auf die "Zugriffsanfrage" geklickt, aber ich glaube die musst du bestätigen, oder?
Liebe Grüße
Kathrin
ich weiß nicht
AntwortenLöschenes hört sich doof an,
aber ich habe mir sehnlichst gewünscht
das du etwas unter meinen ausschnitt
aus den wundervollen buch schreibst.
kindisch ich weiß, tut mir leid.
Wow. Ich wünschte, jemand würde so etwas mal zu mir sagen c;
AntwortenLöschenAber ich freu mich total für dich. Hoffentlich erkennst du selbst, dass du super talentiert bist und das nicht vergeuden solltest. Ich finde deinen Wettbewerb-Text übrigens richtig, richtig gut.
Wow. Ich bin beeindruckt, von deinem Beitrag!!
AntwortenLöschenAlles Liebe, Joy