Ich kann mein Leben so nicht akzeptieren. Ich kann mein Leben so nicht leben. Ich weiß nichtmal, ob ich es so Leben nennen darf. Seit Stunden wühle ich mich auf meinem Laptop durch alte Dokumente, Notizen, die ich irgendwann mal, irgendwo abgelegt habe. Vielleicht ist das meine heutige Form der Selbstzerstörung. Vielleicht auch nur ein Überbleibsel der Vergangenheit.
In den letzten Jahren habe ich Fortschritte gemacht. Soviele Fortschritte. Ich ernähre mich normal. Ich trainiere nicht nur bis zum Erbrechen. Ich blute nicht mehr, nur des Blutes und des Schmerzes wegen. Ich wohne seit einem Jahr nicht mehr zuhause. Ich bin mit 2/3 meines Bachelors fertig. Ich hab viele, tolle, neue Menschen kennengelernt. Viele von denen sind anders als meine "alten" Freunde. Sie sind so optimistisch, gesund oder nur viel bessere Schauspieler. In dieser "Uni-Welt" bin auch in meiner besten Rolle. Sobald ich zuhause bin, sobald ich neben P. sitze, sobald ich A. im Auto an mir vorbeifahren sehe, bin ich wieder ich. Dieses Mädchen, das keinen Platz hat. Und den habe ich auch in der Uni-Welt nicht, obwohl ich eingeordnet bin. Ich bin das coole, nicht-angepasste, humorvolle, viel lesende Mädchen mit merkwürdigen Interessen und so gar keinem mädchenhaften Verhalten. Zumindest könnte ich mir vorstellen, dass die Uni-Menschen mich etwa so beschreiben würden.
Der Unterschied zu den alten Freunde? Denise ist wechselhaft: entweder sie hat Lust auf was oder nicht. Wenn nicht, merkt man das einfach. Sie liest ständig, hört die Party-Unfähigste Musik und hat ziemlich einen an der Klatsche. Nebenbei ist sie aber oft die, die die Gruppe zusammenschweißt. Sie hasst es eingeengt oder zu etwas gezwungen zu werden. Und manchmal möchte man sie einfach in den Arm nehmen und sagen, dass alles nur halb so schlimm ist, wie es scheint. Und sie muss verflucht nochmal lernen, dass sie gut aussieht und schlau ist. Sie muss an sich glauben.
Beide Beschreibungen habe ich nicht erfunden, sie ergeben sich aus alten Sms, alten Gesprächen, neuen Fakten. Natürlich steckt in meinen Beschreibungen Wahrheitswert. Natürlich ist es nicht so, dass ich allen was vormache. Allen und überall. Auch bei den Uni-Menschen sind welche dabei, die mich besser kennen. Schade nur, dass eine gerade in Norwegen ist und mir fehlt. Hier fehlt um mir zusagen, ich soll vernünftig sein. Zu sagen, dass ich meine Gedanken einfach ignorieren muss.
Aber niemand der Uni-Menschen könnte mir sagen, was ich tun soll. Alle denken, ich bin Ra.'s Freundin und zwischen uns läuft alles gut. Alle denken wir sind das Paar, das nach der Uni zusammenzieht und glücklich wird. Die Beziehung wird als gegeben angenommen, egal was passiert. Niemand zweifelt daran. Niemand fragt mal nach, wie es mir geht. "Du hast ja Ra.". Niemand denkt, dass das vielleicht eines meiner größten Probleme ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nie zulasse, dass sie glauben, dass ich traurig bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich nicht traue jemandem von ihnen von meinen Gedanken zu erzählen. Sie würden es nicht verstehen. Sie sind die guten Menschen.
Also verkrieche ich mich in meiner alten Heimat, weiß, dass mein Leid hier gut aufgehoben ist, neben den Blutflecken auf dem Teppich meines alten Zimmer. Über den Kellern in denen meine Leichen liegen. Zwischen den Kisten, die meine Geheimnisse wahren. Zwischen den Menschen, die wissen, dass ich nie ganz bin.
das is ein blog der lesenswert is, weil er ehrlich is, zu sich, zu den lesern. 99% kann man getrost in den papierkorb schmeißen, weil sie nur an der oberfläche des lebens kratzen, irgendwelche bilder, allgemeine thesen, unpersönlich oder oberflächlich. hier ist es anders, und das ist gut so. hier ist das wahre leben. natürlich, zugegeben, verstehe ich es besser weil ich selbst eine leiche war, über jahre, die sich student nannte, nur der MS konnte auch an der uni jeder ansehen, wie zerrüttet das leben sein muss, dazu brauchte es also ne erst die heimat. aber ob blut oder ms, beides is schlecht. authentisch für mich, ja, aber traurig für dich, ja. aber iwann hört das auf, dann, wenn die realität einen einholt, wenn also aus der freiheit wieder pflicht und zwang wird. möglicherweise. gl
AntwortenLöschenich hoffe, das Glück streichelt deine kleine Seele noch ein paar Mal.
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