Donnerstag, 3. März 2016

Ja, ich hab ein Herz, aber es ist besser, wenn ich es keinem erzähle

Das ganze letzte Wochenende war ich krank. Sonntag warst du das letzte Mal vor dem Urlaub bei N., allerdings nicht ohne vorher zweimal zu fragen, ob du nicht zu mir kommen und dich um mich kümmern solltest, da meine Mitbewohnerin übers Wochenende weg war. Da ich Mittwoch noch eine Klausur zu schreiben hatte, konnte ich die Woche nicht so nutzen wie ich eigentlich wollte, habe aber umso häufiger darüber nachgedacht, was ich eigentlich will. Was vielleicht auch daran lag, dass wir relativ wenig Kontakt hatten, den Montag morgen über.

Während ich in der Bibliothek Schiller lese, kommst du zu mir und fragst, ob wir Kaffee trinken gehen. Du erzählst, dass du überlegst am Wochenende ins fünfstündige Theater zu gehen. Im Laufe der Woche stellt sich heraus, dass du dich dagegen entscheidest. Ob du verstanden hast, dass ich gerne mitgekommen wäre. Ich weiß es nicht. Immer wieder erwähnst du wie schön es ist, dass ich ab Mittwoch frei habe. Wie schön es ist, dass wir dann Zeit haben. Und dass ich dann hoffentlich gesund bin. Allgemein fragst du gefühlte 5 Mal am Tag, ob es mir besser geht oder ob du was für mich tun kannst. Als du erfährst, dass ich gerade an einem Text arbeite, aber erst zwei Absätze habe, fragst du nach einer Lesemöglichkeit bis du bemerkst, dass du das Dokument längst im Postfach hast. Ohne dich sehen zu können, weiß ich wie du überrascht lächelnd vor dem Pc sitzt. Du lobst mich für den Text, worauf ich irgenwas zerstörerisches erwidere. "Es ist echt ein Talent. Ich glaube, ich habe es noch nicht geschafft dir in all unseren Gesprächen ein Kompliment zu machen, weil du dir aus allem selber einen Strick drehst. Ich hoffe, dass das nicht wirklich dein Weltbild widerspiegelt." - "Sonst würde mein "Schönheitsfehler" auftreten, dass ich nicht mit Komplimenten umgehen kann" - "Das ist der fehlerhafteste Perfektionismus der Welt". Manchmal finde ich es gruselig, wie du mich liest als wäre ich ein offenes Buch. Aber du verstehst es auch. Und das habe ich bisher in der Form selten erlebt.

Dienstag fahre ich nur kurz zur Uni, um zu lernen. Ich fahre wieder, bevor du mich finden kannst. Nicht, weil ich dich nicht sehen will, sondern weil ich lernen will. Konzentration und Tim ist nicht besonders vereinbar. Ich glaube, du bist enttäuscht, dass ich nicht warte, ob du kommst. Ich backe Muffins und erzähle es dir. Weil ich dir ständig alles erzähle. Ich frage, ob ich dir Mittwoch, vor der Klausur welche vorbeibringen soll. "Ich fahr einfach zu dir, zur Uni. Wollte ich eigentlich eh, dann könnte ich dir noch vorher Glück wünschen", antwortest du. Wir einigen uns darauf, dass wir dann demnächst bei dir einen Kaffee trinken. Abends bist du mit Freunden unterwegs und merkst ganz nebenbei an, dass du mich auch gerne dabei gehabt hättest, aber es wegen der Klausur ja unmöglich ist. Und, dass wir bald einen Spaziergang machen müssen. Wir. Wir. Wir. Dieses Wir gibt es doch gar nicht, verflucht. Und trotzdem schlafe ich in unserer ganzen Zeit immer fröhlich ein.

Klausurtag. Ich sitze gerade eine Weile mit J. in der Bibliothek, da kommst du. Du hast zwei Kaffee in der Hand und stellst mir einen hin. "Ich musste gerade an dich denken als ich vor dem Kaffee stand und dachte ich bring dir mal einen mit", sagst du und deutest an, dass du dich nicht zu uns setzen wirst, weil du in den Ruheraum möchtest. "Danke, das ist nett. Jetzt habe ich doppelt soviel Kaffee", sage ich und sehe wie du gehst. Ich Vollidiot. Ich schreibe dir, dass ich gerade mega unfreundlich war, weil ich im Kopf mit der Aufgabe beschäftigt war und es mir Leid tut. Zwei Stunden später versuchst du mich zu einer Kaffeepause zu überreden, aber ich sage ab, weil ich zu nervös bin, lade dich aber herzlich zum Muffinessen ein. Du beneidest meine Backkünste und bist nett wie immer. Ich habe das Gefühl heute meinen halbwegs entschuldigten Arschlochtag zu haben. Ich schreibe die Klausur, die den Tag absolut grauenhaft macht. So schlecht. Ich mache mein Handy an und die erste Nachricht ist von dir: "Fragen oder nicht fragen. Ist das die Frage?" - "Das war ordentlich kacke". Du erklärst, dass es dir "echt mega Leid" tut, aber du unterwegs bist und deshalb nicht schreibst. Um 23:30 Uhr, ich bemitleide mich gerade selbst, während ich Poetry Slam gucke, rufst du an. "Hey, wars wirklich so schlimm?" - "Naja, ich bin sehr wahrscheinlich durchgefallen und das nervt" - "Darf ich dich ablenken? Also, falls du willst, ich hab gehört, du schuldest mir noch einen Spaziergang". Ich höre wie du am anderen Ende der Leitung lächelst. Ob du auch merkst, wie meine Mundwinkel fast die Ohren erreichen? Um 0 Uhr bist du bei mir. Um 2:30 Uhr stehen wir wieder vor deinem Auto.

Wir verlaufen uns eher im Regen, als dass man es spazieren nennen könnte. Deshalb dauert es auch 2,5 Stunden. Irgendwann sind wir in der Mitte von unseren Wohnungen als du meinst: "Also falls wir uns weiter verlaufen und dann bei mir landen, kannst du gerne bei mir übernachten." Ich muss lachen. "Also das kannst du ja wohl besser", sage ich und lache. Wir laufen beide in eine Richtung und trotzdem hast du durchgehend deine Augen bei mir. Jeder deine Blicke macht mich wahnsinnig. "Unterdrückst du viele Gefühle", fragst du und ich fühle mich ein wenig ertappt. "Ja, schon", antworte ich ehrlich. "Und wieso?" - "Manchmal macht es das leichter. Manchmal ist es selbstschutz. Manchmal habe ich Angst, dass die meinen Kopf überwältigen". Du nickst als würdest du es wirklich verstehen und siehst mich wieder an. Als würdest du jetzt versuchen zu lesen, was genau ich meine.

Irgendwann rennen wir der Bahn hinterher, weil wir soweit weg sind und uns kein bisschen auskennen. Als wir dann plötzlich sitzen. Schaust du mich so direkt an. So nah. Du setzt dich auch nicht an den Rand, sondern erzwingst fast, dass wir uns "zufällig" berühren. Ich seh dich auch an und muss lächeln. Weil in deinem Blick gleichzeitig soviel Zuneigung, soviel Analyse und soviel Unentschlossenheit steckt. "Na endlich lachst du mal wieder. Das steht dir am besten", sagst du und ich bin froh, dass ich sitze. Ich merke, wie sehr ich am Rand sitze und ruschte aus irgendeinem Grund ein Stück zu dir. Du lässt nicht eine Sekunde in der 5 Minuten Fahrt den Blick von mir. Es ist beinahe so als könnten wir beide nicht richtig atmen. Hast du auch ein rotes Monster oder nur eine Freundin? Ich denke darüber nach, dass ich nicht die Person bin, die den ersten Schritt macht in der Hinsicht. Ich bin nicht gebunden. Mein Blick wandert zu deinen Lippen und ebenso schnell wieder zurück. Deine Mundwinkel zucken ganz kurz nach oben. In dem Moment spricht uns ein Mitfahrer an, ob wir wissen, ob die Bahn auch bei xy hält. Ich beantworte die Frage. Als wir dann aussteigen, weiß ich nicht, wer von uns sich erfolgreicher die Lippen verkaut. Die nächsten zwei Minuten wechseln wir kein Wort.

Auf der letzten Strecke sagst du erneut, dass ich dich verwirre. Dass du meistens nichtmal weißt, ob du mich nicht nervst. Dass du nie weißt, wie ich etwas finde. Dass du aber unfassbar gerne Zeit mit mir verbringst. Ich frage mich, ob ich wirklich so schwer zu verstehen bin. Du erklärst das am Beispiel "Umarmen beim Begrüßen/Verabschieden". Du weißt nicht, ob ich das "mitmache", weil du damit angefangen hast. Oder weil ich das auch will. Ich glaube, ich erkenne ein Problem am uns: Mich. Ich bin nicht eindeutig. Obwohl ich eindeutig dich will. Weil ich Angst habe. Angst davor, alles zu versauen. Angst davor meine Freude wieder zu verlieren. Angst davor dich zu verlieren? Angst davor mein Herz schon wieder trösten zu müssen. Und deshalb mache ich selbst die mutigsten Dinge mit angezogener Handbremse.

3 Kommentare:

  1. Wow wunderbar geschrieben, wie immer ♥
    Das zwischen Dir und Tim scheint was großes zu werden, was schönes!
    Schade das N. dazwischen ist, aber wer weiß, vielleicht gibt es wunder.
    Vielleicht ist Tim auch nur bei ihr, weil er deine Gefühle nicht richtig einschätzen/deuten kann.
    Aber wenn es soweit ist, dann lass die Angst hinter dir, denn nur wer wagt, der gewinnt auch! ♥

    AntwortenLöschen
  2. Am besten hat mir, glaube ich, der Satz mit der Handbremse gefallen. Sehr gut dargestellt.
    Ansonsten macht er mich ungefähr doppelt so verrückt wie dich, nur dass ich mir den Kopf über seine Intentionen zerbreche, während du genießen kannst.
    Du weißt es ja. Es klingt zu schön um wahr zu sein.

    AntwortenLöschen
  3. sehr gut! freut mich, dass du "meine" oden an schiller aufnimmst und ihn liest :p - was denn von ihm?
    das formelle wir mag es noch net geben, wen kümmerts? das informelle wir gibt es schon. das ist da, hier, und jezz, dafür kann man euch, dich nur beglückwünschen. in der form is es so selten im leben. mir würden nur 2 menschen in fast 30j einfallen wo das lesen der gedanken, zugang möglich war - einer davon mein opa^^.
    manchmal, und das sage ich ausnahmensweise aus eigenerfahrung, kann es zum problem werden, wenn keiner ein risiko eingeht und das ausspricht, was er/sie fühlt und was eigentlich implizit beiden klar ist. egal wie du es sagst und wie er reagieren könnte, aber wenn du sagst "ich liebe dich" dann wäre das sehr hilfreich (meine these - ohne gewähr^^). den teil habe ich übrigens nach dem dritten absatz geschrieben also bevor euer nachtspaziergang war :p.. wenn du da keine handbremse anlegst, und es offen sagst, dann würde das aber auch mit dem küssen (einfacher) klappen. das risiko is eher, nichts zu tun, weil mehr als zeit mit dir zu verbringen kann eher ne, und dass er den ersten schritt von dir erwartet is ja in der konstellation verständlich. also tu ihn. es wird euch helfen. gl

    AntwortenLöschen