Montag. Ich sitze im Seminarraum. Neben mir ist der Platz frei. Ich werde das Ritual vermissen, immerhin ist es die letzte Uniwoche. Es ist Viertel nach und Prof B. fängt an zu reden. Das Mädchen, das zeitgleich hineinkommt, setzt sich zwei Plätze weiter und legt ihre Tasche auf deinen Stuhl. "Den brauch ich", flüstere ich ihr zu. "Es ist eh schon spät, als wenn jetzt noch jemand kommt", sagt sie schnippisch und ich wundere mich über ihre Unlogik, da auch sie gerade erst sitzt. In dem Moment kommst du, nickst zu dem Stuhl und ich grinse das Mächen an. Mürrisch packt sie die Tasche runter und du setzt dich dahin. Da, wo du hingehörst. Dann grinst du mir zu, legst deine Lernzettel auf den Tisch - immerhin schreibst du gleich Linguistik - und versuchst Prof B. zu folgen.
Nach dem Seminar: Caro verlässt mich, weil sie lernen muss. Du sagst dasselbe, aber wir gehen noch zwei, drei Schritte zusammen. "Okay, ich setz mich auf die Wiese und warte bis 18 Uhr, bis ich meine Klausur schreibe", sage ich und wir verabschieden uns. "Achja", rufst du, "viel Erfolg außerdem". Ich wünsche dir dasselbe und bin froh. Froh, dass wir so gut Freunde sein können. Ganz normale Freunde.
Ich lege mich auf die Wiese, höre Musik und lese Schopenhauer. Genau die Vorbereitung, die man vor einer Programmier-Klausur treffen sollte. Plötzlich merke ich, wie sich jemand neben mich setzt. Ich schaue auf und sehe wie du mich angrinst. "Ja bitte?", frage ich lachend. "Ich habe fast zwei Stunden Zeit bis die Klausur stattfindet und es ist eh noch niemand von den Linguistik-Leuten da, also kann ich meine Zeit viel besser mit dir verbringen", sagst du und grinst. Ich atme tief durch. Wir sind nur Freunde. Aber jede Faser von mir will mehr. Daraufhin unterhalten wir uns 1,5 Stunden über deine Arbeit (Du arbeitest als studentische Hilfskraft bei einem Kulturphilosophie-Professor, himmlisch), über Uni Kram. Und mitten in einer Diskussion, ob ich Prof B. wegen Sekundärliteratur frage, sagst du: "Jetzt hätte ich es beinahe wieder vergessen. Wir müssen über das Kaffeetrinken reden." Hingerissen. Nicht mehr rational. viel zu emotional. Scheiße. Ich muss lächeln. "Ja, gerne. Ab Wann hast du denn Zeit?", frage ich. "So in zwei Wochen sollte der Stress vorbei sein, peilen wir das an? Dann schreiben wir vorher einfach nochmal?" Ich nicke voller Überzeugung, zwei Wochen klingen klasse.
Kurz darauf verabschiedest du dich zur Klausur und ich bin glücklich. "Hör auf zu träumen", sagt mein Hirn zum Herz. "Geht nicht, dafür bin ich da". Hirn: "Aber ihr seid nur Freunde. Ihr werdet auch immer nur Freunde sein." - Herz: "Vielleicht. Aber deshalb ist träumen noch lange nicht verboten."
Ich sitze eine weitere Stunde auf der Wiese und lese wirklich Schopenhauer. Ich packe gerade meine Sachen als ich hoch gucke und sehe wie du mit zwei Kommilitionen aus dem Hörsaal kommst. Ihr wollt euch alle auf die Wiese ein Stück weit weg von mir hinsetzen, als du nur deine Tasche abstellst und zu mir kommt und erzählst wie gut deine Klausur war. Du bist extra noch rübergekommen. Wegen mir. Allerdings muss ich ziemlich dringend zu meiner Klausur und gehe freundlich und mit erneuten Erfolgswünschen deinerseits von dir weg.
Die Klausur lief gut. Programmieren ist ein Traum. Als ich aus der Klausur komme, überlege ich kurz, ob du wohl nach meinem Empfinden fragst, immerhin könntest du digitalen Kontakt zu mir aufnehmen. "Ihr seid Freunde, du bist nicht seine Freundin", meckert das Hirn. Als ich zuhause ankomme, sehe ich deine Nachricht: "Und wie lief deine Klausur?" Herzschlag. Herz schlägt. Herz schlägt Hirn. "Manchmal werden Träume wahr, auch wenn man manchmal länger warten muss", sagt das Herz siegreich.
Wie du die eigentliche (eventuelle) Tragik dahinter so schön verpacken kannst, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben, aber ich werde es weiterhin bewundern.
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