Freitag, 20. September 2013

In den verseuchten Zonen Kreucht und kriecht das Weltgedicht. In Spuk und Sensation, In der Blindheit, In Krankheit und Verheißung heißt es: Schmeiß es hin! Und werde die Verbesserung der Erde.

Die Sonne blitzt wieder auf
Dabei hatten wir unsere Schande unter dicken Jacken versteckt.
Manche sogar unter Pelz
Tote Tiere
Tragen die Schande am Körper
Die Schande unserer kaputten Welt
Die Schande, die wir selbst sind.
Die Natur zerstört. Der Mensch vernichtet sich nur selbst.
Lese auf Blätter von Schülern:
"Fuck Life"
"Hey God. Do you ever think about me?"
"I want to die"
Tragen bei 30 Grad noch lange Sachen.
Möchte weglaufen, aber bin die Erwachsene.
Bin die Lehrerin, das Vorbild.
Eine Person, nach der man sich richten soll.
Meine einzige Lehre:
Werdet niemals so wie ich.
Das Mädchen hat zwei Alkoholiker als Eltern.
Eine Bulimikerin als Freundin.
Sie selbst schneidet sich.
Die Lehrer nennen es "Ritzen"
Sagen, sie verstümmele sich, nur für Aufmerksamkeit.
Ich möchte sie anschreien. Ihnen sagen, wie es ist.
Das schwarze Loch, die Monster, der Druck.
Aber ich schweige, beiße mir auf die Lippe.
Flüstere leise "Ich verstehe sie doch" in mich rein.
Ich darf nicht mit ihr reden. Mit keiner von beiden.
Denn offiziell weiß ich kein Wort.
Weder von meiner Vergangenheit, noch von ihr.
"Hast du die Hausaufgaben?", fragt die Mathe-Lehrerin.
"So halb. Nicht ganz. Keine Ahnung", stammelt sie.
"Wieso nicht?", fragt sie.
"Ich konnte nicht. Ich war zu müde. So fertig. Kennen sie das?"
Die Lehrerin schüttelt den Kopf. Ich kann nicht schlucken.
Meine schulische Leistung hat nie darunter gelitten. 
Aber das war nur mein Glück. Nur mein eigener Druck.
"Nein, ich kenne das nicht. Du bekommst ein Schreiben nach Hause."
Das Mädchen schaut mich Hilfesuchend an. "Bitte nicht", fleht sie ihre Lehrerin an.
"Sie wissen gar nicht, wieviel Ärger ich bekomme."
Es wird keine Rücksicht genommen, obwohl man alles über das Leben weiß.
Ich sehe, wie sie den restlichen Unterricht ihre Finger in das Bein rammt.
Sie kneift, sie kratzt, möglicherweise öffnet sie Wunden.
Einzelarbeit. Sie schaut in die Luft, vielleicht denkt sie an die Klinge.
"Denk nicht daran, woran du gerae denkst", flüstere ich ihr gegenüber.
"Wissen Sie, woran ich denke?", fragt sie und ich schaue in ihre Augen.
Sie sind so leer, so unendlich tief und dunkel. Schmerz.
Ich nicke. "Vielleicht." Ich versuche zu lächeln. Es fällt mir schwer.
Sie schaut auf meine Arme, sucht. "Nein, ich glaube nicht", sagt sie enttäuscht.
Ich darf nichts sagen. Habe mich genug verraten. "Pass auf dich auf", sage ich.
Ich möchte sie an die Hand nehmen, ihr das Leben zeigen.
Doch ich kann das hier deshalb nicht riskieren.
Ich selbstsüchtiges, dummes Ding.
Es tut mir Leid, ich bin kein Menschenverbesserer.

4 Kommentare:

  1. Du bist nicht dumm. Du hast mit ihr Kontakt aufgenommen, ohne deine eigene Zukunft gleich auf's Soiel zu setzen. das ist gut!

    AntwortenLöschen
  2. Hey Denise - endlich kann ich dir zurückschreiben <3

    Du dein Brief an Maxi - er ist so so so wunderschön <3
    Ich hatte Tränen in den Augen und ich wünsche mir so sehr, dass er dich endlich küsst. Oder dass du ihn endlich küssen traust :)

    Oweh - jaja, du lernst auch die Schattenseiten kennen am sozialen und nervenaufreibensten Beruf, des Lehrers von Pubärtierenden. Als Praktikantin darfst du da noch weniger machen als, als Lehrer. Du kannst höchstens das Gespräch mit ihrem Klassenvorstand suchen und fragen, was man denn schon versucht hat, dass das Mädchen da raus kann. Meistens sind die Lehrer selbst total überfordert mit der Situation. Schau meine 14 Kinder an. 10 von denen kommen aus sozial schwachen Familien und ich muss jeden Tag das Ventil für ihrern Frust und ihre Angst sein. Man kann nur versuchen stark zu sein, denn es lässt einen nicht los. Gleichzeitig weiß ich, wenn sie meine schwächste Seite kennen würden, würden sie mich fressen wie hungrige Löwen.
    Ich wünsch dir ganz viel Kraft, aber das ist NICHT deine Aufgabe zu versuchen sie zu ändern. Nicht in der Stelle als Praktikantin, als suche bitte nicht die Schuld bei dir, sondern eher bei ihren Lehrern, die laut deinen Schilderungen eher nur zuschauen als versuchen zu helfen. Ich wünsch dir alles Gute.

    In Liebe...Nanouk

    AntwortenLöschen
  3. Es liegt nicht an dir, die Menschen zu verbessern. Das ist und bleibt doch immer noch unseres eigenes Laster. Und im Übrigen finde ich es bemerkenswert, wie du auf sie eingegangen bist. Ich finde das stark, ich denke, das Mädchen weiß das auch zu schätzen (wenn es bei ihr denn 'klick' gemacht hat). Mit deinem Kommentar hast du mir an einem grauen Morgen vor der Schule die Sonne gebracht. Du bist für mich wirklich eine starke Person, ich bin echt froh, hier gelandet zu sein. Ich danke dir für so viel. Übrigens lässt sich dein Text richtig gut lesen, könnte in meinen Augen aus einem Buch sein. Leider auch traurig und ehrlich. Ich wünsche dir nur das Beste und ein schönes Wochenende.

    AntwortenLöschen
  4. Oh, das kommt mir so bekannt vor... Bei uns auf der Station ist auch so ein Mädchen, genauso alt wie ich, die Arme sind jeden Tag frisch zerkratzt, und ich würde ihr gern sagen, dass ich sie verstehe, aber ich darf nicht mit ihr reden. Ich kann es absolut nachvollziehen, wie du dich fühlst.. :/

    AntwortenLöschen