Montag, 22. Februar 2016

Stunden sind wir uns einig. Und die Sekunden sind selten, In denen wir es mal nicht sind. Da hinten geht der richtige Zeitpunkt.

Deine Augen strahlen, das Lächeln wird breiter als ich in den Raum komme. Ich setze mich dir gegenüber und breite meine Sachen aus. Sofort fängst du ein Gespräch an. Sofort habe ich deine volle Aufmerksamkeit. Was habe ich dir eigentlich angetan? Irgendwann lese ich wieder und du verzweifelst an Schulmathe, da du ja nicht rechnen kannst, immerhin bist du ja Wissenschaftler. Ich merke, dass du mich ansiehst, aber weigere mich hochzugucken. "Denise", sagst du plötzlich und ich finde, mein Name klingt aus deinem Mund ziemlich gut. Ich gucke hoch. "Du musst echt fröhlicher gucken, wenn du lernst", sagst du toternst. Ich muss lachen und möchte gerade etwas erwidern, als du "Na geht doch", sagst, grinst und weitermachst. Völlig perplex sitze ich am Tisch. Was hast du eigentlich mir angetan?

Irgendwann machen wir eine unserer berühmten Kaffeepausen. Du sagst, du bist eigentlich nie am Handy und ich muss schmunzeln. Außer wenn du schläfst, schreiben wir durchgängig. Eigentlich immer und überall. Außer, wenn wir uns sehen, dann bist du tatsächlich nie am Handy. Dann erzählst du mir, dass du nie Dates mit deinen Ex-Freundinnen hattest. Ich muss lachen bei der Vorstellung, dass ausgerechnet du jemand bist, der jemand von der Party mit nach Hause nimmt. Ich frage aber nicht weiter nach, denn du erzählst davon, dass du dein einziges Date mit Jan (seinem Kumpel) in der Kneipe hattest, letzte Woche. Die Kneipe, wo auch wir beide zusammen waren. Als wäre es dir in diesem Moment auch eingefallen, wechselst du geschickt das Thema. Es gibt Momente, da bist du einfach zu schnell im Kopf für mich. Da komm ich einfach nicht hinterher.

Wir entscheiden zu gehen. Diesmal bleibe ich nicht länger. Gehe mit dir. Wohin führt der Weg eigentlich? Wir stehen mal wieder eine ganze Weile draußen. Du siehst mich von oben nach unten an. "Ist dir nicht kalt?", fragst du und verweist auf meine Strumpfhose. "Ich friere nicht", sage ich und zucke mit den Schultern. Es ist ekeliger, kalter Nieselregen und auch ich muss zugeben, dass ich mich heute morgen falsch angezogen habe. "Wann hast du mal Ferien?", fragst du. "Wie du weißt, haben wir beide gerade keine Vorlesungen", sage ich verduzt. "Nein, ich meine, so richtig frei." Ich halte inne. "Eigentlich nie so richtig. Ich hatte auch noch nie Semesterferien. Ich, Ich hab einfach viel zu tun". Du schaust besorgt. "Du musst echt mal aufhören zu arbeiten. Du musst den Anspruch ablegen, alles perfekt machen zu wollen.". Ich schlucke. "Naja, was man erledigen muss, muss man erledigen" - "Pass einfach auf dich auf, ja?", sagst du mit soviel Gefühl, dass ich dir fast geschworen hätte, nichts mehr zu tun. Wir schauen uns dabei beinahe durchgehend in die Augen. "Ich versuchs. Ist nicht immer so leicht", antworte ich mildernd.

"Es war richtig gut mir dir. Hier. Ich meine, ich lerne zwar immer eine Stunde weniger wenn wir zusammen sind. Aber dann habe ich wenigstens eine Stunde, die gut ist.", sagt er und grinst. "Ich finde es auch immer wieder schön.". Dann diese Stille, in die Worte, Erklärungen, Bekundungen passen. Es bleibt beim Anschauen. Glaubst du, deine blauen Augen lassen mich nochmal los? Schon beim Kaffeetrinken hatten wir soviel Blickkontakt wie selten zuvor. Allein, weil ich da nicht gut drin bin. "Okay, trauen wir uns in den Regen", sagst du und beendest alle Möglichkeiten. Wir gehen 20 Meter zusammen bis du nach links und ich nach rechts muss. Wieder kurze Stille. Wieder die Chance, irgendwas zu sagen, was irgendwas verdeutlicht. Wir gehen auseinander und die nächsten 200 Meter mache ich mir einen Vorwurf nach dem anderen. Frage mich, was du wohl gesagt hättest. Du fühlst wie ich, oder? So schwer kann das doch nicht sein. Plötzlich höre ich, wie du meinen Namen sagst. Mein Herz rast. Ich drehe mich um und sehe wie du ziemlich aus der Puste hinter mir stehst und mein geliehenes Buch in der Hand hälst. Ich nehme es an. "Tim, du bist jetzt den Weg gerannt für ein Buch, das ich zweimal habe?", frage ich. "Ja, ich verliere total schnell Dinge und bevor das wegkommt.", sagst du noch immer um Luft ringend. Ich habe Luft, ich kann reden. "Du weißt, wie sehen uns ziemlich oft und..", ich schüttelte den Kopf, kann nicht denken, verstehe nicht, was passiert. Aus der Sekunde heraus, sagst du, dass ich das Buch ja jetzt habe und gehst in ähnlichem Tempo wie gerade plötzlich weg. Verwirrt, was gerade passiert war, stehe ich die nächsten 2 Minuten im Regen. Wieso läuft man jemandem wegen einem Buch wie ein Irrer hinterher? Und wieso kann ich eigentlich nie den Mund halten und bekomme in solchen Situationen kein Wort heraus?

In den nächsten 30 Minuten fahre ich mit dem Handy in der Hand und dem Kopf an der Bahn einhauend, nach hause. Ich Idiot. Du bist ziemlich lange online, schreibst kein Wort. Du schreibst immer. Jeden Tag bedankst oder erfreust du dich nochmal an unserem gemeinsamen Lernen. Jeden Tag.

Inzwischen haben wir seit 5 Stunden nichts von einandergehört. Das ist neuer Negativrekord. Bisher war der bei einer Stunde. Aber ich kann dir nicht schreiben. Weil ich nicht weiß, was angemessen ist. Weil ich noch immer wie versteinert hier sitze. Und du? Gerade bist du beim Sport, wie jeden Montag. Aber ab 22 Uhr bist du zuhause. Und dann werde ich warten. Sonst sehen wir uns morgen. Morgen früh, so wie jeden Tag, oder etwa nicht?

5 Kommentare:

  1. Oh Mann Denise, ich wünschte gerade so ICH könnte dir schreiben, um zu fragen, ob ihr schon miteinander geschrieben habt?

    In Liebe...Nanouk.

    AntwortenLöschen
  2. Du hast nichts falsch gemacht. Es wird alles gut, mach dir keine Sorgen. Aber vielleicht ist es bald tatsächlich an der Zeit, ganz ehrlich zu sein.

    AntwortenLöschen
  3. Du hast gar nichts falsch gemacht!
    Solche Momente sind vollkommen normal, auch wenn sie uns ab und an quälen.
    Und der Grund wieso er nicht schreibt ist wahrscheinlich der selbe, wieso du ihm nicht schreibst, weil er sich wahrscheinlich genauso fühlt, nur mit dem Unterschied das er eine Freundin hat und dann so wie es scheint Gefühle für dich entwickelt hat, so das er sich erstmal darüber im klaren werden muss.

    AntwortenLöschen
  4. Och, ich sag's hier nochmal, aber heiliger, dieser Kerl macht einen ja wirklich fertig, verdammte Axt... Sag ich doch. Klischee Liebesszene aus einem alten Liebesfilm. Oh man...

    AntwortenLöschen
  5. oh der satz mit der guten stunde ist gut! märchenhafte geschichte, krass krass krass...

    AntwortenLöschen